Zukunft der Bildung: Überlegungen Anlässlich des GGL-Forum 2013 Fachtagung zur Zukunft der Designlehre Wenn ich mir etwas wünschen könnte … „Das Ausbildungssystem ist eine institutionalisierte Apparatur für Klassifizierun-gen, die ihrerseits ein objektiviertes Klassifizierungssystem darstellt und die gesellschaftlichen Hierarchien reproduziert (ihre Schichtenbildung nach 'Niveaus', die sozialen Stratifikationen entsprechen, und ihre Untereilungen in Fächer und Disziplinen, welche ihrerseits bis ins Unendliche soziale Zäsuren – zwischen Theorie und Praxis, Konzeption und Ausführung usw. – wiederspiegeln); es transformiert bei aller scheinbaren Neutralität gesellschaftliche Klassifizierun-gen in solche des Ausbildungserfolgs und etabliert damit Hierarchien, die nicht mehr als rein technische, also partielle und einseitige empfunden werden, sondern als umfassende, in der Natur begründete, und lässt damit den gesell-schaftlichen und den >persönlichen< Wert, akademische und menschliche Würde als identisch erscheinen. >Bildung<, die ein hoher Ausbildungsabschluss angeb-lich gewährleistet, ist ein Grundelement dessen, was nach herrschender Meinung persönliche Vollendung ausmacht. Nicht gebildet sein wird deswegen als Verstümmelung der Person empfunden, die sie in ihrer Identität und Würde beschädigt und bei allen offiziellen Anlässen, bei denen man >öffentlich in Erscheinung zu treten“, sich vor den anderen mit seinem Körper, seinen Umgangsformen, seiner Sprache zu zeigen hat, mit Stummheit schlägt.“Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede, 1979 Die Formen und Strukturen der Vermittlung auf den mir bekannten Hochschulen und Universitäten in Gestaltungsbereichen haben sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder deutlich gewandelt, um den sich rasch verändernden Anforde-rungsprofilen in den zugeordneten Berufsfeldern zu entsprechen. Wenn ich heute gefragt werde, welche Rahmenbedingungen mir als geeignet erscheinen würden, um weiterhin Menschen zu unterstützen, die im Bereich Kommunikationsdesign tätig werden wollen, so würde ich mir gerne die Freiheit nehmen, einen – aus meiner persönlichen Sicht – idealen Raum zu entwerfen, in dem sich Menschen entfalten können: "Rettet die Neugier – Ich versuche, die Kinder selbst kreativ werden zu lassen, sodass sie neue Ideen mit mir gemeinsam generieren können. Ihnen Raum und Zeit zu geben, an der Lösung einer Frage aktiv mitzuarbeiten. Wenn man den Kindern dauernd etwas vorführt, dann verstummen sie irgendwann." Salman Ansari, ZEIT Interview 2013 1.Die allgemeine Schulpflicht wird durch einen Bildungsscheck ersetzt, der allen Menschen in einem bestimmten Umfang den Zugang zu Bildungsinstitutionen freier Wahl ermöglicht. Wann im Laufe des Lebens dieser Scheck für welche Bildungsangebote eingesetzt wird, bleibt jedem selbst überlassen. Wofür sich jemand interessiert und in welcher Form der Vermittlung er sich Wissen und Fähigkeiten aneignen möchte, wird nicht mehr vorgeschrieben, sondern kann je nach Bedarf und Neigung eigenmächtig entschieden werden. (Auf diese Weise könnte auch ein geschärftes Bewusstsein dafür entstehen, welche Leistung die Gesellschaft für die Ausbildung ihrer Bürgerinnen und Bürger erbringt.) "Kinder wollen Lernen. Seit Maria Montessoris Vorstellung vom Kind als 'Baumeister seines Selbst' ist es eine kluge Einsicht, Kinder nicht mehr 'belehren zu wollen', sondern ihnen zu helfen, sich selbst etwas beizubringen. Dafür gilt als erstes Gebot, die intrinsische Motivation des Kindes nicht zu zerstören, sondern sie zu pflegen und zu fördern. Die Bewertung nach Ziffern wird der Persönlichkeit unserer Kinder nicht gerecht. Das Notensystem stammt aus einer psychologisch und pädagogisch uninformierten Epoche. Es dient der Selektion, korrumpiert die Schüler und gehört definitiv nicht mehr ins 21. Jahrhundert." Richard David Precht, ZEIT, 2013 2.Prüfungen und Notensysteme werden abgeschafft und durch Beschreibungen ersetzt, die den Menschen helfen, ihre Lernfortschritte zu erkennen, um so auch bei Bedarf zu verstehen, welche weiteren Lernschritte in Anspruch genommen werden könnten. 3.Hochschulen und Universitäten werden durch Räume ersetzt, in denen interessierte Menschen die Chance erhalten, in einem durch den Bildungsscheck vorgegebenem Zeitrahmen, unbeeinflusst von äußerlichen Begehrlichkeiten in freier Entfaltung Erfahrungen zu machen, die nach allen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten vom Bildungspersonal unterstützt und begleitet werden. 4.Auch wenn es gelungen ist, Ideen und Vorstellungen unabhängig von Subjekten festzuhalten, zu „verkörpern“ und zu verbreiten, auch wenn diese Ideen sich vermischen, modifizieren, ergänzen und in immer neuen Konstellationen und Konfigurationen erscheinen, werden sie letztlich immer nur lebendig und wirksam, indem sich einzelne Individuen sich diese, in irgend einer Form zu eigen machen. Wenn wir nicht danach fragen, was es in seinen Auswirkungen bedeutet, diese oder jene Position einzunehmen, entziehen wir uns unserer Verantwortung als handelnde Menschen. Damit wir unsere Fähigkeit, eine gemeinsame kulturelle Umwelt zu schaffen, nicht verlieren, erscheint es notwendig, sich die Folgen seines eigenen Handelns bewusst zu machen. Um zu verstehen, was Handeln bewirkt, müssen die Reaktionen anderer auf unsere Position erlebbar werden. "Hole in the Wall: Das Experiment zeigte, dass Kinder allein durch Wissbegierde und Neugier zum Lernen motiviert werden und in der Lage sind, sich selbstständig und in gegenseitigem Austausch Dinge beizubringen - ohne Eingreifen durch einen Lehrer. Auch veränderte sich das soziale Verhalten der Kinder - Wissen wurde zum Wert. Dabei spielt die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht keine Rolle." Siehe: http://www.hole-in-the-wall.com 5.Lernprozesse werden vorwiegend durch Teamarbeit ermöglicht. Im Rahmen von Zusammenarbeit, Kooperation, Austausch und Kommunikation entstehen Erfahrungsräume, zu denen sich die Teammitglieder für einen bestimmten Zeitraum verpflichten. Jedes Teammitglied ist immer zugleich Lernender und Lehrender. "Die Prozesse der Erkenntnisgewinnung sind nie geradlinig. Denn unsere Sicht auf die Dinge verändert sich dauernd. Es ist ein wesentliches Prinzip des Lernens, dass ich die Gelegenheit bekomme, mitzudenken und vorhandene Konzepte zu modifizieren. Nur so komme ich im Denken weiter. Ich möchte, dass die Kinder selbst eine Art Lösungsweg finden und nicht einfach nur Wissen anhäufen. Wenn Kinder etwas wissen wollen, überlege ich mir immer, wie sie das Wissen weiterverwenden könnten. Wissen ist ja wie eine Art Werkzeug, mit dem sich dann weitere Dinge entdecken lassen." Salman Ansari, ZEIT Interview 2013 6.Der stets wachsende Umfang gesammelten Wissens und die große Breite vorhandener Erfahrungen macht es immer schwieriger, jene Bereiche zu definieren, die „absolute“ Priorität im Rahmen von Ausbildungsformen verdienen. Es macht daher Sinn, Inhalte nicht vorrangig durch Lehrpläne vorzugeben. Am Beispiel konkreter Fragestellungen lassen sich Wissensbereiche entfalten und Fertigkeiten exemplarisch einüben. Im Verlauf der Vertiefung können beliebige Wissensbestände zur Unterstützung hinzugezogen werden. Es geht nicht darum immer schneller immer mehr, sondern darum tiefer, eindringlicher und individueller zu lernen. Um einen höheren Schulabschluss zu erhalten, müssen Menschen heute mindestens 15 Jahre eine Schulbank drücken. Wer kann heute mit Bestimmtheit sagen, welche Fähigkeiten in 15 Jahren von besonderer beruflicher Relevanz sein werden sein? 7.Wer von der Gesellschaft in seiner Bildung unterstützt wird, sollte auch die Bereitschaft zeigen, einen Beitrag zum Ausbau einer allgemein verfügbaren Wissensplattform zu erbringen. An die Stelle von Bachelor-, Master- und Doktorarbeiten sollte deshalb eine Mitarbeit am Aufbau, an der Überarbeitung und an der Weiterentwicklung des bestehenden Erfahrungsschatzes treten, der diesen bereichert.  

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Christian Wilhelm Ernst Dietrich, Die Bänkelsänger, ca. 1740