Beitrag in: WHO but | Magazin der Fakultät Design an der Technischen Hochschule Nürnberg

Verlag für moderne Kunst | 2013

In jedem Diskurs über Gestaltung taucht früher oder später die Frage auf: Wer hat die Zügel in der Hand? Wer hat die Welt in ihrer uns erfahrbaren Form geschaffen? Ist dieses Werk gelungen, ist es verbesserungswürdig und, wenn ja von wem? In welchem Rahmen sind Veränderungen denkbar und wer hat das Recht, ein Urteil zu fällen?

 

Die Welt begegnet uns nach wie vor als eine unberechenbare, den Menschen gegenüber gleichgültige, Gewalt. Diese gibt und nimmt, nach Regeln, die uns immer wieder überraschen, selbst wenn wir glauben, alle Ereignisse würden bekannten Naturgesetzen folgen. Der Wunsch, dem Zufall zu entrinnen, hat uns erfinderisch gemacht. Was haben wir nicht bereits alles an Bildern und Geschichten ersonnen, um dem Lauf der Ereignisse eine Form zu geben, die Kontrolle, Ordnung und Beherrschbarkeit signalisiert? Abgesehen von der Endlichkeit unseres Lebens, lauert stets eine noch viel größere Gefahr: Was passiert, wenn sich unsere Konstruktion der Wirklichkeit als eine solche entlarvt, und wir in den bodenlosen Abgrund der offenen Möglichkeitsräume hinab zu stürzen drohen?

 

Im Vergleich zur Gefahr eines sich atomisierenden Weltbildes wirkt zum Beispiel die Vorstellung, ein Drache, oder irgendein anderes Ungeheuer sei unser schlimmster Feind, harmlos und beruhigend. Die unerträgliche Abhängigkeit von Umständen, die uns zufallen und sich unserer Einflussnahme entziehen, ließen uns unter anderem Götter ersinnen. Mit deren Hilfe können wir nun zumindest versuchen, dem Unbegreiflichen und Unerklärlichen einen Namen zu geben, um jene Ereignisse, in die wir uns als verwickelt erleben, bestimmten Ursachen zuzuordnen. Nachdem wir uns Götter als etwas vorstellen, das sich unserer unmittelbaren Wahrnehmung entzieht, mussten wir Methoden entwickeln, wie sich dennoch eine Vorstellung gewinnen lässt. In manchen Kulturen ist es nicht statthaft, sich an einem Abbild des Göttlichen zu versuchen.

 

Aber selbst wenn wir uns diese Aufgabe vornehmen, dann stellt sich die Frage: Wie lässt sich das Außer-gewöhnliche von banalen und alltäglichen Phänomenen unterscheiden? Am Entwurf von Zeichen, die eine solche Differenzierung unterstützen, haben unzählige Gestalter im Laufe der Geschichte gearbeitet. Auch heute noch zählen die Bemühungen der Überhöhung und Glorifizierung zu den Kernthemen der Gestaltungsarbeit. Jede Kultur hat bislang versucht, die Komplexität der Erfahrungswelt mit Hilfe einfacher und überschaubarer Bilder fassbar zu machen. Die Entstehungsgeschichte der Welt ist meist Teil eines solchen Modells. Solange Bilder als in sich stimmig erscheinen und ihre Einzelteile eine gewisse Selbstähnlichkeit und Selbstbezüglichkeit aufweisen, stellen wir uns nur selten die Frage, ob eine Darstellung tiefere Bedeutungen und Zusammen-

hänge zum Ausdruck bringt, oder nicht mehr ist, als eine willkürliche und bedeutungslose Anordnung beliebiger Elemente. Diese Technik selbstähnlicher Zeichensysteme wird heute als Corporate Design bezeichnet und soll Institutionen und Unternehmen nicht nur helfen, wiedererkannt zu werden, sondern auch zu überzeugen.

 

Charles Darwins Entwurf einer Welt, die von selbst, evolutionär, gleichsam ohne Zutun eines Gestalters, entsteht, stößt immer wieder auf Ablehnung. Wo sind jedoch die intelligenten Designer geblieben? Sind sie vergangen, oder noch lebendig und aktiv? Wie haben wir uns diese vorzustellen? Darüber existieren nach wie vor unterschiedliche Vorstellungen.

Sobald das Unfassbare, durch Vergöttlichung, eine begreifbare Gestalt erhält, erscheint es möglich, sich entweder durch Opfergaben das Wohlwollen der Göttinnen und Götter zu erkaufen oder zu erbetteln, oder sich zumindest mit Hilfe von Orakeln auf das unvermeidliche Schicksal vorzubereiten. Wenn wir unseren aktuellen Götzendienst am Altar des Konsums betrachten, erweisen sich diese Vorstellungen bislang nicht als überholt. Marken verkörpern heute jene Weltbilder, denen wir unsere Achtung und unseren Glauben schenken. Wir opfern bereitwillig unser Geld und somit unsere Arbeitskraft, um an der göttlichen Ausstrahlung von Markenartikeln teilzuhaben. Wir pilgern nicht mehr zur Pythia nach Delphi, sondern lassen uns von Trend-Scouts und Marktforscherinnen und Marktforschern unsere Zukunft vorhersagen. Zum Glück für den Berufsstand der Gestalterinnen und Gestalter hat sich bis heute der Glaube an die Macht von Reliquien, Fetischen und Devotionalien aller Art gehalten. Mit ihrer Hilfe wollen wir unsere Ohnmacht bekämpfen. Umso mehr wir uns an sie klammern, sie beschwören und verehren, desto wirkungsvoller helfen sie uns angeblich bei der Durchsetzung unserer Interessen. Unsere Opferbereitschaft auf dem Altar der Zeichen soll all jene, von denen wir uns als abhängig erfahren, gnädig stimmen.

 

Wenn Götzendienst Wirkung zeigen soll, erscheint es jedoch wichtig, nicht auf falsche Götter herein zu fallen. Eine bunte Mischung unterschiedlicher Mythen, von denen sich keine als allgemein gültig durchsetzt, führt zu Problemen, die wir auch heute erleben, wenn wir die Qual der Wahl erleiden. Wie sollten sich also untereinander bekämpfende göttliche Horden besänftigen lassen? Welches Paar Schuhe sollte unsere Füße zieren und uns vor peinlichen Situationen bewahren, wenn die Auswahl uns zu überfordern droht, und wir nur ahnen können, wie andere auf mögliche Entscheidungen reagieren werden? Welche Erleichterung würde daher ein eindeutiges Wertungssystem bedeuten? Es ist also nicht verwunderlich, dass die Idee, alle Schöpfung sei einer einzigen Gottheit zu verdanken, sich bis heute großer Beliebtheit erfreut. Eine radikalere Reduktion von Komplexität lässt sich nicht erdenken. Wir brauchen uns also nicht zu wundern, dass die zunehmende Ausbreitung von Märkten, die sich als frei und offen gebärden, eine Flucht in geschlossene Wertesysteme nach sich zieht. Wie klar und einfach gestaltet sich plötzlich das Leben, wenn es nur einen einzigen Bedeutungsträger gibt, von dem sich alles Weitere ableiten lässt. Vielleicht lässt sich aus diesem Blickwinkel auch erklären, warum wir die Entstehung von Marktmonopolen nicht verhindert haben, sondern diese sogar durch unsere Entscheidungspräferenzen begünstigen. Umso stärker die magnetische Wirkung, desto klarer erscheinen die Muster von Ablehnung und Zuneigung, die Marken bewirken. So fühlen wir uns eins mit der Welt, wie einem Naturgesetz folgend, aufgehoben im Strom der Bewegung.

 

In solchen Glaubens- und Ordnungskonstruktionen, kann allem und jedem ein bestimmter Ort zugewiesen werden. Die Sehnsucht nach unumstößlichen Gestaltungsregeln, nach einer gleichsam göttlichen Formensprache, hat auch das Werk zahlreicher Designerinnen und Designer geprägt und bestimmt. „Du sollst neben der Helvetica keine andere Schrift verwenden.“ „Du sollst den goldenen Schnitt ehren.“ … und vieles mehr. Gäbe es Designgötter, die den Stein der Weisen gefunden haben, wären wir endlich von der Last der unendlichen Möglichkeiten befreit.

 

Wenn wir uns eine zweite, eine virtuelle Welt in unseren Köpfen zusammenzimmern, dann besitzen wir dort Gestaltungshoheit, gerade weil wir uns scheinbar den göttlichen Gesetzen fügen. Was im Alltag auf Widerstand und Gegenwehr stößt, darf sich in virtuellen Welten weitestgehend ungehemmt entfalten. Durch die Produktion von Darstellungen außerirdischer Ordnung entstehen leistungsfähige Wertesysteme, mit deren Hilfe sich die Gleichgültigkeit der vorgefundenen Welt in wohlgefällige Differenzierungen auflösen lässt. Erst über diesen Umweg werden wir fähig, unter völligem Absehen konkreter Umstände, Weltbilder zu denken, die, weil von uns selbst geschaffen, beherrschbar wurden.

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