Ebenen der Wahrnehmung

Über die möglichen Auswirkungen aktueller technologischer Entwicklungen

Zu Recht existiert eine weit verbreitete Skepsis gegenüber technologischen Entwicklungen, mit deren Hilfe sich gewaltige Datenmengen aller Art sammeln und auszuwerten lassen.

 

Wenn wir in die Geschichte zurückblicken, dann verdankt sich die kulturelle Entwicklung des Menschen jedoch der Tatsache, dass es ihm gelungen ist die Erfahrungen des Einzelnen auszutauschen, zu sammeln, zu speichern und als eine Art Rohstoff auszuwerten um dann die so gewonnen Informationen wieder mehr oder weniger gezielt zu verbreiten oder zu suchen und zu nutzen. Die dabei und dafür entstandenen verschiedenen akustischen und visuellen Sprachen haben es möglich gemacht Eindrücke aufzuzeichnen. So entwickelte sich seit den ersten Höhlenmalereien und anderen gestalterischen Interventionen der Menschen eine Art „paralleles” Universum. Die Welt der unmittelbaren Erfahrun-gen wird seit diesen Anfängen von „virtuellen” Vorstellungen und vermittelten Eindrücken bis zur Ununterscheidbarkeit überlagert. An diese Situation haben sich viele Menschen dermaßen gewöhnt, dass ihnen im Alltag meisten kaum bewusst ist, wie sehr die medial vermittelten Bilder im Kopf alles filtern und dominieren, was sich unseren Sinnen darbietet.

 

Neue technologische Entwicklungen reißen uns in gewisser Weise aus unseren träumerischen Selbstgewissheiten. Allen voran ist es den großen Konzernen von Google über facebook bis amazon gelungen unser Misstrauen zu schüren. Plötzlich geraten zwei Fragen wieder ins Bewusstsein: 1. Wie sehr erleben wir uns durch mediale Eindrücke bereits als fremdbestimmt in unserer Wahrnehmungs-fähigkeit? 2. Wenn wir weiter bereitwillig unsere eigenen Sinneseindrücke und Handlungsspuren einem allgemeinen Nutzen überlassen, wie sehr gereicht uns dies zum Vor- oder Nachteil?

 

Diese Diskussion gestaltet sich insofern als schwierig, als es nahezu unmöglich erscheint eine kapitalistische und machtpolitische Verwertungslogik einmal außer Betracht zu halten. Während die an diesen Entwicklungen beteiligten Unternehmen keine Chance unversucht lassen uns die Vorteile einer stets umfassender werdenden Sammlung von Daten (Temperatur, räumliche Ortung und Abtastung, visuelle und akustische Aufzeichnungen, bis hin zur freiwilligen Einspeisung von Informationen in allen denkbaren Medienformaten) schmackhaft zu machen, wächst auf der Seite der lediglich Betroffenen die Angst, mit jeder hinzugewonnenen Option zugleich ein Stück Autonomie hinter sich zu lassen.

 

Was ist also davon zu halten, dass mit Google Glass ein Gerät auf den Markt kommt, dass sowohl den Output als auch Input von Informationen enorm vereinfacht, mediale und unmittelbare Erfahrungen sukzessive überlagert und vermischt, ja in eine direkte gegenseitige Abhängigkeit bringt, während das ebenfalls von Google getragene „Projekt Tango” sich bereits mit dem nächsten Schritt der Wahrnehmungssynthese beschäftigt, einer auf Basis von 3D-Scans möglichen Verknüpfung von Raum- und Datenwahrnehmung? Macht uns das alles reicher oder ärmer an Erfahrungen? Bauen wir durch die Nutzung solcher Technologien mit an einer Welt der lückenlosen Kontrolle und Überwachung oder stehen wir vor einem epochalen Ereignis, das den Menschen völlig neue und einzigartige Potentiale und Möglichkeiten erschließt?

 

Eines steht für mich außer Frage: Wollen wir nicht nur Opfer der Entwicklungen sein, dann müssen wir uns um Rahmenbedingungen bemühen, in denen auch unsere eigenen Interessen Berücksichtigung finden. Zu hoffen, die Konzerne würden schon von sich aus das Menschenmögliche unternehmen, um die Eigen-interessen hintanzuhalten, ist unrealistisch. Alle politischen Bewegungen, die sich einer solchen Diskussion nicht und nur widerwillig und am Rande stellen, sollten mit einer entsprechenden Skepsis behandelt werden, damit uns nicht, wie dies im Zusammenhang mit den Finanzmärkten derzeit zu beobachten ist, die Entwicklungen überrollen.

 

Von nicht minder großer Bedeutung ist die Frage, wem denn nun die Nutzungs- und Verwertungsrechte all jener Entwicklungen gehören, in deren zunehmende Abhängigkeit wir uns zweifelsfrei begeben. Die Annehmlichkeiten die Technolo-gien wie Mobiltelefonie, GPS Ortung, Sensoren aller Art, etc. mit sich gebracht haben, dürfen nicht dazu führen, dass die Mehrheit der Menschen zu Nutzern ohne Mitspracherecht degradiert werden. Märkte haben sich – entgegen allen Beteuerungen – als gänzlich untauglich erwiesen Interessen auszugleichen. Das Recht auf Zugriff zu den Schätzen und Ressourcen einer Informationsgesellschaft sollte ein Grundrecht für alle und nicht ein Privileg einzelner Konzerne sein.

 

Vor allem dann, wenn es uns gelingt die neuen technologischen Möglichkeiten zu nutzen, um uns unserer eigenen Freiheit der Gestaltung eines lebenswerten Daseins wieder bewusster zu werden, blicke ich mit Spannung und Freude auf das, was da kommen mag.

 

Mehr zu diesem Thema: http://www.wepromise.eu/de