Aura des Geheimnisvollen

 

Venedig wird irgendwie als fremd empfunden. Wenn die Stadt in Dunst und Nebel versinkt, vermittelt sie einen subtil beunruhigenden Eindruck. Ahnung von Unbeständigkeit und Vergänglichkeit, von etwas Schrecklichem, Düsteren. Wie in einem Albtraum kommt alles aus dem Wasser und löst sich wieder in ihm auf. Mischung aus Angst und Selbst-Sicherheit.

 

Atmosphäre der Abgeschiedenheit

 

Aura von Melancholie

 

Die Stadt des und Abschieds und des Schweigens.

Erzeugen eines Nebels von erhabenen Gefühlen, der Eigenschaften wie Habgier und Unbarmherzigkeit gekonnt verschleiert.

 

Einige der ersten Banken der Welt hatten ihren Sitz in Venedig. Die ersten öffentlichen Darlehen wurden dort 1167 vergeben.

 

Diplomatie

 

Die Venezianer verstanden sich bestens darauf, jemandem eine höfliche Abfuhr zu erteilen.

 

Ordnung suggerierende Fassaden: Geschäfte sind Vertrauenssache. Venedig ist eine der Geburtsstätten der Statistik. Jeder Bereich des gesellschaftlichen Lebens war streng geordnet.

Kommerz wurde zu einem Karneval, zu einer Unterhaltung, wurde das Objekt eines feierlichen Rituals. Ähnlich wie Erntefeste auf dem Land, hatte so eine Messe nicht nur eine säkulare, sondern auch eine spirituelle Bedeutung.

 

 

Die ungewöhnliche Lage Venedigs zwang die Einwohner dazu, eine neue Lebensweise zu ersinnen.

 

Der begrenzte Lebensraum begünstigt die intensive Interaktion zwischen den handelnden Personen. Aus dem Kampf gegen das Meer, ergab sich die Notwendigkeit für ein gemeinschaftliches Denken und Handeln. Es bestand kein Konflikt zwischen Individuum und Kollektiv, es war vielmehr so, dass sich das venezianische Individuum zu jeder Zeit in den Gesamtorganismus einfügte. Es ist ein Organismus, der, wie jener des Menschen, als Einheit gesehen werden kann. Jeder Aspekt der venezianischen Kultur und Gesellschaft reflektiert das Ganze. Sie mussten unablässig schwere Arbeit verrichten und hätten ohne ein hohes Maß an Energie und Optimismus nicht erfolgreich zu bestehen vermocht. Deshalb sind die Venezianer auch stolz auf ihre Stadt.

 

»Die Not lehrte sie, ihre Sicherheit in der unvorteilhaftesten Lage suchen, die ihnen nachher so vorteilhaft ward und sie klug machte, als noch die ganze

nördliche Welt im Düsteren

gefangen lag, ihre Vermehrung,

ihr Reichtum war die Folge.«

Johann Wolfgang von Goethe

 

Die Lagunenstadt als Heimat der Vertriebenen

 

Venedig mehr als 1000 Jahre alt. Die Bewohner des Veneto flohen vor den Goten und suchten Schutz auf den gut zu verteidigenden Inseln. Sie waren Verbannte, vertrieben aus ihren Städten oder von ihren eigenen Gehöften, auf der Flucht vor den plündernden Stämmen des Nordens und des Ostens. Venedig bot sich als sicherer Hafen für Verbannte und heimatlos Umherziehende an. Es war eine offene Stadt, die bereitwillig alle aufnahm, die ihre Grenzen überquerten. Obwohl die Lagune nicht weit von den ehemaligen großen Zentren entfernt lag, war sie doch entlegen und abgeschieden. Die Venezianer sahen ihre Stadt zu jeder Zeit als bedroht. Auf einer Insel zu leben, heißt unabhängig, aber auch „isoliert” zu sein.

 

Jede andere Stadt auf der Welt hatte irgendwann ihre Freiheiten verloren, doch Venedig musste nie unter einem Unterdrücker leiden.

 

Venedig besteht aus 117 einzelnen Inseln, die mit viel Anstrengung und Mühe nach und nach miteinander verbunden wurden. Der Grundriss der Stadt wurde zu einer Metapher für Ordnung und Pracht. Die Lagune selbst ist von ihrer Natur her uneindeutig weder Land noch Wasser. Die Venezianer besaßen kein einziges Ackerland, sie waren daher gezwungen, sich ihren Lebens-unterhalt durch den Handel mit und durch die Herstellung von Waren zu verdienen. Wäre Venedig nicht von Wasser umgeben, wäre es schon vor Jahrhunderten zerstört worden.

 

Um 1500 sieht die Stadt bereits weitgehend aus wie heute. 1508 sahen sich Papst, die Könige von Frankreich und Spanien und der deutsche Kaiser Maximilian gezwungen sich gegen Venedig zusammenzuschließen.

 

 

Die Stadt als verführerische optische Täuschung

 

Verlangen, große Wirkungen zu erzielen.

Eine Stadt des Vortrags, auf Expressivität der Darstellung ausgerichtet. »Nie erschien eine Stadt so traumgleich und unwirklich.«

 

Fata Morgana: Stadt der Träume, unfassbar. Erreger menschlicher Imaginationen. Fließend. Übergang zwischen Illusion und Realität, zwischen Schein und Sein.

 

Verschmelzung von Frömmigkeit und religiöser Verehrung des Ortes Venedig. Der Boden war heilig, auf wunderbare Weise vor den Wassern der Welt errettet. Die Einwohner Venedigs waren Teil dieses Bodens.

 

Marktplatz der Welt: Venedig des Jahres 1500 als Zentrum der Weltwirtschaft. Handelsstadt in reinster Ausprägung, der ultimative Basar.

 

In Venedig feierte der merkantilistische Kapitalismus seinen ersten Triumph in Europa. Das kommerzielle System definierte auch das gesellschaftliche und kulturelle System der Stadt. Rationale Kalkulation und die abstrakten Beziehungen des Kommerzes führten zur Ausbildung eines ganz neuen Typus von Gesellschaft – einer Waren- und Verbraucher-gesellschaft. Alle Aktionen werden von kaufmännischen Interessen bestimmt.

 

Das Wesen des Handels beruht auf fortwährender Expansion. Auf dem Höhepunkt seiner Macht war Venedig der drittgrößte Staat Europas. Kommerzielles Eigeninteresse ist ein Hauptfundament der nationalen Ideologie.

 

Salinen. Venedig fasste den Entschluss, sich das Monopol für die Versorgung des Festlands mit Salz zu sichern. Mit Gewalt und durch Eroberungen brachte man zuerst die anderen Zentren der Salzgewinnung in den umgebenden Regionen an sich. Jede sich regende Konkurrenz wurde im Keim erstickt.

 

Gnadenlose Ausbeutung von Rohstoffquellen.

 

Das Überflüssige ist höchst notwendig. Luxus war notwendig, weil er den Handel anregt. Der Besitz von Luxusgegenständen war von großer Relevanz für den Erwerb von Status.