Design in the Era of Interactive Technologies

Beitrag in: The Digital Turn | Park Books | 2012

Wie hat sich der Umgang mit und die Wirkung von Texten verändert, seitdem diese immer häufiger als digitaler Code produziert, gespeichert und übertra-gen werden? Um geschrieben oder gelesen zu werden, braucht ein Text kein menschliches Gegen-über mehr. Daten können von Maschinen generiert, bearbeitet und ausgetauscht werden. Aus Textbau-steinen lassen sich beliebig viele neue Textgebäude errichten. Dank der Möglichkeit, Algorithmen arbeiten zu lassen, übernehmen Computer eigenständig vielfältige Aufgaben. Sie suchen, ordnen, zensurieren, manipulieren Texte nach vorgegebenen Programmen. Jene Unternehmen, denen es gelungen ist, ent-sprechende Felder zu besetzen, wurden zu neuen Zentren der Macht. Diese Macht legitimiert sich derzeit über die mehr oder weniger intensive Nutzung von Angeboten. Wir hätten die Wahl und haben uns entschieden – zum Beispiel für Google, Twitter, Wikipedia, Facebook, YouTube, Flickr, Amazon oder iTunes. Die Entscheidungen darüber, wer sich hier womit und in welcher Form ausdrücken darf, fallen pseudodemokratisch, durch die angebliche Analyse des Nutzungsverhaltens.

 

Ich habe den Eindruck, dass es etliche Menschen gibt, die noch nicht so recht abschätzen können, was sie von der digitalen Zukunft halten sollen. Im medialen Wechselbad zwischen euphorischen Versprechungen und katastrophalen Prophezeiungen ist es nicht leicht, emotionslos zu blieben. Werden die schlimmsten Befürchtungen, wie „Big Brother is watching you“ oder die blühenden Verlockungen, wie „alles ist möglich“, wahr? Es lohnt daher, vielleicht einen möglichst nüchternen Blick auf jene Umstände zu werfen, in denen Texte sich als bedeutsam erweisen.

Menschliches Handeln folgt Motiven. Warum schreiben und lesen wir? Die Gründe erscheinen mehr als vielfältig. Mit Hilfe von Texten lassen sich zum Beispiel soziale Strukturen, Verhältnisse, Regeln und Hierarchien festschreiben. Dazu dienen Gesetze, Verträge, Vorschriften, Anordnungen, Erlässe, Urkunden. Auch wenn wir diese Texte nicht lesen, können sie unser Leben betreffen. In immer größerem Umfang sind sie im Internet abrufbar. Verfügbarkeit bedeutet jedoch nicht, dass dadurch auch die zeitlichen Ressourcen und die entsprech-enden Vorkenntnisse so reichlich vorhanden sind, dass auch jede und jeder in der Lage wäre, sich selbst ein umfassendes Bild zu machen. Wer demnach seiner Verantwortung entsprechen möchte, ist in vielfacher Weise auf jene Form von Designleistungen angewiesen, die helfen, Komplexität zu reduzieren und Zusammenhänge benutzbar und zugänglich zu machen. Vertrauen und Misstrauen spielen dabei weiterhin eine alles entscheidende Rolle.

 

Um Dokumente außer Frage zu stellen, bedarf es autorisierender Erklärungen. Warum hat wer wann das Recht, etwas glaubwürdig vorzuschreiben? Hierbei erweisen sich bislang Texte als hilfreich, die vorgeben, die Welt in ihren Grundfesten, ihren Ordnungen und „Gesetzen“ zu erfassen und zu umreißen. Der Bogen spannt sich von Bibel und Koran über Manifeste bis zu philosophischen und so genannten wissenschaftlichen Abhandlungen. Wir nutzen sie unter anderem als Legitimationsnach-weise. Gerade weil es in der ausufernden Vielfalt verfügbarer Texte nicht leichter geworden ist, die Orientierung zu behalten, erfreuen sich möglichst geschlossene Weltbilder einer erstaunlichen Popularität: „Es steht geschrieben …“ Diskurse lassen sich auf diese Wiese nach wie vor beenden. …

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