Zur Definition der Montage in der modernen Kunstgeschichte

Magisterarbeit | 1980

„Indem der Künstler Realitätsfragmente in sein Werk einfügt, die er nicht eigenhändig gestaltet hat, wird "die Einheit des Bildes als ein in allen Teilen von der Subjektivität des Künstlers geprägten Ganzen zerstört." Gab das organische Kunstwerk vor, wie Natur zu sein, indem es zwar von Menschenhand gefertigt jedoch "die Tatsache seines Produziertseins unkenntlich zu machen" sucht, gibt sich die Montage als künstliches Gebilde, als Artefakt zu erkennen, indem es den Schein von Totalität durchbricht, da es zu erkennen ist, dass es aus "Realitätsfragmenten" zusammengesetzt ist.

 

Nicht mehr die Harmonie der Einzelteile konstituiert das Werkganze, sondern die widerspruchsvolle Beziehung heterogener Teile. Verweisen die Elemente im organischen Kunstwerk einzeln wahrgenommen, stets auf das Werkganze, das ihnen Bedeutung verleiht, so können sich in der Montage die Einzelelemente insofern vom Ganzen emanzipieren, als sie auch einzeln oder in Gruppen gelesen und gedeutet werden können, ohne dass das Werkganze erfasst werden müsste.

 

Der Zusammenprall von Fragmenten in den Montagen von Max Ernst kann als eine Persiflage auf die Akkumulationen von Gegenständen in bürgerlichen Wohnungen gedeutet werden, die sich darum bemühen es in bescheidenem Rahmen den „Kunst- und Wunderkammern” der Aristokratie gleich zu tun. So wie die bürgerliche Gesellschaft versucht mit Hilfe eines sorgfältigen Nebeneinanderstellens von Gegenständen einen Zusammenhang zu konstruieren, der sie in ihrer Position bestätigen soll, so benutzt Max Ernst die Möglichkeit der Konfrontation inkohärenten Materials um diesen bürgerlichen Beruhigungs- und Legimations-zusammenhang zu dekonstruieren.

Die technische Reproduzierbarkeit von Fotografien hat deren Verwendung in den damals aufkommenden „Illustrierten Zeitungen” ermöglicht. Diese Bilder geben nicht einfach „Realität”, sondern fotografische Meinungen über Ereignisse wieder. Die Auseinander-setzung mit diesem Material kann somit auch zu einer Beschäftigung mit den Manipulationsmecha-nismen der Medien, sowie den inhaltlichen Aussagen der darin enthaltenen „Fotodokumente” werden.

 

„… Radio und Bildschirm und die Phantomkon-sumtion sind selbst soziale Realitäten von solcher Massivität, dass sie mit den meisten sozialen Realitäten von heute den Kampf aufnehmen können, das sie ’was wirklich ist’, ’wie es wirklich passiert’ selbst bestimmen.” (Günther Anders, Die Antiquiert-heit des Menschen) Die Fotomontage von Richard Hamilton „Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?” verweist auf den modernen Menschen als Medienkonsumenten: ein mit Gold-rahmen versehenes Portrait, eine Zeitung, ein TV-Gerät auf dessen Bildschirm eine telefonierende Frau zu sehen ist, ein Ausschnitt aus einem Comic-Heft, ein Tonbandgerät, ein Filmtheater mit der Ankün-digung des ersten Tonfilms „The Jazz Singer” in dem ein Weisser einen Farbigen darstellt, ein Satelliten-bild der Erde als Deckengemälde, eine Menschen-menge am Strand als Teppich, Leuchtreklame, eine mit einer Automarke gebrandete Lampe, Fleisch aus der Dose, eine Reinigungskraft als Werbebotschaft, die Bewohner nackt den Blicken der Beobachter ausgeliefert und daher posierend, sich anbietend als optimierte und konsumierbare Körper. Die Abge-schlossenheit der privaten häuslichen Umgebung wird durch die Gegenwart technisch vermittelter Medien aufgebrochen. Die Grenzen zwischen „Realität” und medialer Vermittlung verwischen.

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