Mentale Modelle

Unterricht an der FHV Fachhochschule Vorarlberg

Im Seminar werden folgende Themenfelder diskutiert:

 

Was verstehen wir unter Mentalen Modellen?

Lassen sich »Realitäten« erzeugen?

 

Beispiele:

 

Gott der Allmächtige – »Wir sind die Auserwählten einer überirdischen Macht. Unsere Aufgabe ist es, den Gesetzen dieser Macht zu entsprechen und diese Gesetze auch allen anderen Menschen aufzuzwingen. Es gibt zweifelsfreie Wahrheiten und  wer nicht daran glaubt ist unser Feind.«

 

The winner takes it all – »Die Welt gehört den Siegern. Das Leben ist ein Wettkampf und jeder hat die Chance den Hauptgewinn zu machen. Siege über andere führen zum Glück. Die Verlierer haben ihr Unglück selbst zu verantworten.«

 

Alles ist machbar – »Fortschrittsgläubigkeit. Für jedes Problem gibt es eine, meist technische, Lösung. Es erwartet uns ein allumfassendes Convenience-Paradies so wir den Angeboten folgen und immer up to date bleiben.«

 

Alles ist erklärbar – »Wissenschaftsgläubigkeit. Irgend jemand wird schon wissen wie es geht, wir müssen nur auf ihn hören. Alles lässt sich Messen, Bewerten und Berechnen. Es lassen sich Regeln entdecken, die sich auch in Programme übertragen lassen. Es lässt sich auf dieser Basis eine neue Welt konstruieren, in der alles seinen objektiv gerechtfertigten Platz findet.«

 

Wir sind bedroht und in Gefahr – »Der Untergang steht uns bevor. Es ist Zeit zur Umkehr. Das kommende Unheil ist mit allen Mitteln zu bekämpfen. Wir brauchen eine starke Hand, um alle lauernden Gefahren wie Seuchen, Terrorismus, Kriminalität, Flüchtlingsströme abwehren zu können.«

 

Glück ist käuflich – »Ein erfülltes glückliches Leben kann und muss man sich käuflich erwerben. Ob Erlebnis-, Produkt-, Dientsleistungs- oder Marken-konsum – es sind die richtigen Kaufentscheidungen die unser Leben bestimmen. Wer weiß, was wie zu konsumieren ist, dem steht das irdische Paradies offen.«

 

Welche Kommunikate und wahrnehmbaren Rituale verweisen auf diese Denkmodelle? Warum zeigen diese Umstände nicht bei allen Menschen vergleichbare Wirkungen? Warum gelingt es Menschen sich davon zu distanzieren oder sie sich anzueignen? Wie könnten alternative Gestaltungsformen aussehen, die das Leben der Menschen unterstützten ohne es zu formatieren?

 

Literaturtips:

 

Rainer Bösel: Wie das Gehirn »Wirklichkeit« konstruiert: Zur Neuropsychologie des realistischen, fiktionalen und metaphysischen Denkens. 2016

 

Siri Hustvedt: Die Illusion der Gewissheit. 2018

 

Philipp Hübl: Der Untergrund des Denkens. Eine Philosophie des Unbewussten. 2017

 

Robert Levine: Die große Verführung. Psychologie der Manipulation. 2013

 

Gunter Gebauer: Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen. 2019

 

Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. 2016

 

Manfred Schmidbauer: Der gitterlose Käfig. Wie unser Gehirn die Realität erschafft. 2004

 

Daniel Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken. 2017

 

Stanislas Dehaene: Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft. 2014

 

Dale Carnegie: Wie man Freunde gewinnt. Die Kunst, beliebt und einflussreich zu werden. 2011

 

André Glucksmann: Die Macht der Dummheit. 1991

 

Markus Metz, Georg Seeßlen: Blödmaschinen. Die Fabrikation der Stupidität. 2011

 

Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur. 2010

 

Wolfgang Schivelbusch: Das verzehrende Leben der Dinge. Versuch über die Konsumtion. 2015

 

Alain de Botton: Religion für Atheisten: Vom Nutzen der Religion für das Leben. 2017

 

Carl Tillessen: Konsum. Warum wir kaufen, was wir nicht brauchen. 2020

 

John Lennox: Wozu Glaube, wenn es Wissenschaft gibt? 2021

 

Markus Gabriel: Fiktionen. 2020

 

Christian Neuhäuser: Wie reich darf man sein? Über Gier, Neid und Gerechtigkeit. 2019

 

Steffen Mau: Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen. 2017

 

Amartya Sen: Rationale Dummköpfe. Eine Kritik der Verhaltensgrundlagen der Ökonomischen Theorie. 2020

 

Brad Stone: Amazon unaufhaltsam. 2021

 

Douglas Murray: Wahnsinn der Massen. Wie Meinungsmache und Hysterie unsere Gesellschaft vergiften. 2020

 

Ingo Reuter: Weltuntergänge. Vom Sinn der Endzeit-Erzählungen. 2020

 

Niall Ferguson, Jürgen Neubauer: Doom: Die großen Katastrophen der Vergangenheit und einige Lehren für die Zukunft. 2021

 

Harald Welzer: Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen. 2019

 

Philipp Blom: Das große Welttheater. Von der Macht der Vorstellungskraft in Zeiten des Umbruchs. 2021

 

Michael Butter: Nichts ist, wie es scheint. Über Verschwörungstheorien. 2018

 

Pankaj Mishra: Das Zeitalter des Zorns. Eine kurze Geschichte der Gegenwart. 2017

 

Debra Satz: Von Waren und Werten. Die Macht der Märkte und warum manche Dinge nicht zum Verkauf stehen sollten. 2013

 

Christian Mikunda: Hypnoästhetik. Die ultimative Verführung in Marketing, Handel und Architektur. 2018

 

Edgar Cabanas, Eva Illouz: Das Glücksdiktat und wie es unser Leben beherrscht. 2019

François Dubois: Die blutige Bartholomäusnacht des Jahres 1572

Souvenir button given to Futurama visitors, World Expo 1939

Anatomisches Theater in Padua nach einer Gravur von 1654

John Martin: The Last Judgment. 1853

Duane Hanson, Supermarket Lady, 1969-70

Woran orientieren wir uns in unserem Leben? Wir blicken mit unseren Sinnen nicht wie durch ein Schlüsselloch in die Wirklichkeit hinein, sondern wir sind aktiver Teil dieser Wirklichkeit. Ziel sinnlicher Wahrnehmung ist die Selektion von Handlungs-optionen, mit dem Ziel, uns die Welt gefügig zu machen. Wir sind in unseren Handlungen nicht determiniert, vielmehr erleben wir uns immer wieder mit Entscheidungen konfrontiert. Um uns dennoch das Leben zu erleichtern, neigen viele Menschen dazu sich grundlegende Orientierungsmuster anzueignen. Mit Hilfe dieser »mentalen Modelle« fällt es leichter Optionen zu bewerten. Diese Modelle können uns allerdings auch zum Verhängnis werden, denn diese Modelle sind gewissermaßen frei erfunden, haben sich vielleicht einmal in bestimmten Situationen bewährt, sind jedoch nie generell anwendbar. Ziel des Seminars ist es, sich ein wenig Bewusstsein über die eigenen »mentalen Modelle« zu verschaffen.

 

Im Laufe der Geschichte wurde immer wieder nach Möglichkeiten gefahndet, wie sich die Denkmodelle der Menschen beeinflussen lassen, um deren Handeln steuern zu können. Diese Methoden wurden in den letzten Jahrzehnten, auch auf Basis umfangreicher wissenschaftlicher Studien, optimiert. Es hat den Anschein, dass eine Mehrheit der Menschen bereitwillig vorgegebene Denkmuster übernimmt, um so ihrem Leben eine Struktur und eindeutige Zielrichtung zu geben. Dieser Umstand wir von unterschiedlichen Interessengruppen ausgenützt, um Menschen grundsätzliche Vorstellungen vorzugeben.

 

Die meisten Menschen folgen in ihren Entscheidungen nicht nur einem Modell, sondern wenden je nach Situation auch unterschiedliche, mitunter sogar widersprüchliche Modelle an. Nicht immer wissen wir, wie wir zu unseren Anschauungen gelangt sind. Es ist jedoch schwierig, die einmal eingenommenen Positionen zu verlassen. Es wäre ja notwendig, sich seinen Irrtum einzugestehen. Meist leben wir auch in einer Gemeinschaft, die vergleichbare Vorstellungen teilt. Was würde es für meine sozialen Beziehungen bedeuten, wenn ich plötzlich meine mentalen Modelle in Frage stelle? Wie kann ich sicher sein, dass ich nicht wieder ein eine Falle tappe?

 

»Um wahrzunehmen, muss ich Dinge auf mich wirken lassen. Um zu begreifen, muss ich Begriffe übernehmen. Um zu urteilen, muss ich mich Urteilen unterwerfen. Um mich auf etwas zu richten, muss ich mich nach etwas richten. Anders geht es nicht. Anders kann ich meinem Spürsinn nicht folgen, meine Begriffe nicht bilden, zu meinen Urteile nicht gelangen und meinen Weg nicht machen. Wir greifen nach der Welt, damit sie nach uns greift.« Martin Seel: Theorien. 2009

 

Wenn wir etwas wahrnehmen, dann merken wir uns in der Regel eine Interpretation dieser Situation. Wir merken uns nicht, was wir sehen, sondern wie wir das Gesehene interpretieren. Es fällt uns schwer, die Welt anders zu sehen, als so, wie wir sie gelernt haben zu sehen. Vorurteile sind hilfreich, um möglichst unkompliziert den Alltag zu bewältigen. Grundsätzliches Nachdenken würde auch nicht immer zu einem Ergebnis führen. Dazu haben wir nicht nur selten die Zeit, sondern meist fehlt uns das dafür notwendige Wissen. Wir kommen über den eigenen Horizont nur hinaus, wenn wir uns auf neue und deshalb auch »fragwürdige« Erfahrungen einlassen.