Funktionen des Wohnens

Magisterarbeit | 1979

Wenn die Intensität der "Gefühlsbewegungen", die in der Gesellschaft zur Schau gestellt werden dürfen, abnimmt, wenn sich unsere Körpersprache und unmittelbare Kommunikation auf ein Minimum reduziert, dann sind wir gezwungen, unsere Gefühle auf dem Umweg über Gegenstände auszudrücken. So glauben Werbetreibende uns einreden zu können, dass ein Geschenk – zum Beispiel ein Diamantring – mehr sagen könnte, als wir selbst zu sagen imstande sind. Dieser Umstand verweist uns einerseits auf unsere "Sprachlosigkeit", aber vor allem auf die angebliche oder tatsächliche Aussagekraft der Gegenstände in der menschlichen Kommunikation. Gerade durch den in vielen Elementen fast statischen Zusatnd unserer Lebensumgebung werden Veränderungen erkennbar.

 

Fast jede Wohnung besitzt einen oder mehrere „Hausaltäre”. Gemeint sind hiermit jene Akkumulationen von Gegenständen, die sich zum Beispiel auf die Biografie oder Wertvorstellungen der Wohnungsbenützer beziehen und an die sie Bedeutungen und Erinnerungen knüpfen: Familienfotos; Trophäen wie Hirschgeweihe, Pokale; Souvenirs von Urlaubsreisen; Andenken als profane Form der Reliquie; Heiligenbilder und Vorbilder aller Art.

 

Gewollt oder unbeabsichtigt wird die Wohnung zu einem Archiv der eigenen Lebensgeschichte: „Dieser Fettfleck stammt von …” „Das Sofa ist hier abgenützt weil …” „Dieser Teil ist bei jener Gelegenheit abgebrochen.” Trotz aller Versuche der Werbung uns davon zu überzeugen, dass alle Spuren ständig zu beseitigen wären, lassen sie sich dennoch oft nicht restlos tilgen. Dennoch wird durch die ständig geputzte und aufgeräumte Wohnung versucht, deren Benutzung zu negieren, als müsste man seine Handlungen, sein „wirkliches Leben” hinter der Ordnung und dem Glanz der Oberfläche verbergen. In Kriminalfilmen wird uns gezeigt, wie Vorgänge sich an ihren Spuren rekonstruieren lassen. Die Rekonstruktion unserer Lebensgeschichte ist von entscheidender Bedeutung für die Konstruktion unseres Selbstbildes.

„Das Schlafen kultivieren heißt mehr als nur das Schlafbedürfnis befriedigen.” (Sleepy Werbung) Durch den Kauf „bunter Möbel” sollen wir den „grauen Allltag” hinter uns lassen, als ob dadurch die tägliche Arbeit weniger monoton würde. Wenn diese Versprechen auch oft recht absurd sind, so werden wir doch ständig bemüht. Die Gegenstände erfüllen nur zum Teil einen unmittelbaren Zweck.

 

„Stoffe für Individualisten”, „Hier können Sie Ihren persönlichen Geschmack und Lebensstil verwirklichen”, „Wir kommen Ihren individuellen Gestaltungswünschen entgegen.” Die Möbelindustrie verspricht unserem Bedürfnis nach Individualität Ausdruck zu verleihen. Sie nehmen uns angeblich die Arbeit ab, selbst etwas darzustellen.

 

„Wären Möbel nur Gebrauchsgegenstände, dann hätten wir seit Jahrhunderten den Einheitsstuhl und den Einheitstisch.” (Werbung der Firma Rosenthal) Am einfachsten kann man Konsumenten zur „Wegwerf-bewegung” motivieren, in dem man Waren produziert, die schon nach kurzem Gebrauch nicht mehr zu gebrauchen sind. Als Fortschritt getarnt, entsteht das Neue im Immerwiedergleichen, das im Immerwiedergleiche im Neuen. Das heute gekaufte, soll morgen als ästhetisch veraltert und unmöglich erscheinen. „Die alten Möbel müssen weg, denn neue sind im Kommen!” (Werbung eines Möbelhauses, 1978) Umso stärker Sinneseindrücke den Kauf einer Ware bestimmen, desto leichter fällt es der Industrie uns durch ästhetische Innovationen zu immer neuen Käufen zu veranlassen, auch weil die Intensität sinnlicher Reize mit der Gewöhnung abnimmt und so die Aufnahmebereitschaft und Neugier für Neues wächst. So wie die Gegenstände nicht mehr altern sondern verschleißen, sich abnützen, bestenfalls altmodisch werden, stehen auch die Menschen zunehmend unter dem Zwang, jugendlich zu wirken um ihre Arbeitskraft zu verkaufen zu können oder um von anderen noch als begehrenswert betrachtet zu werden.

 

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