MULTIPLY lautete der diesjährige Aufruf zu einem interdisziplinären Austausch. Das Symposium begab sich auf die Suche nach zukunftsweisenden Methoden und Strategien der visuellen Kommunikation.

 

Meine Präsentation trägt den Titel: formunvollendet – über die Gestaltung offener Systeme oder die kurze Geschichte der Zellen. Es handelt sich um ein Märchen von Wesen, die sich ein unglaublich umfangreiches und leistungsfähiges Zeichensystem geschaffen und sich dadurch immer tiefer in neue Problemstellungen verstrickt haben. Dank der Fähigkeit Informationen zu speichern, um diese über weite Strecken an viele andere Wesen zu verbreiten, haben sie sich eine so dichte Zeichenwelt gebaut, dass die Möglichkeiten einer konkreten und unmittelbaren Erfahrungen zusehends in den Hintergrund getreten sind. Auf der einen Seite ermöglicht den Wesen die Verlagerung ihrer Erlebniswelt in einen Erfahrungsraum, der ihnen breite Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet das Gefühl eines selbstbestimmten Lebens; auf der anderen Seite geraten sie in eine immer undurchschaubare Abhängigkeit von jenen Strukturen und technischen Apparaturen, die ihnen ein solches Vorgehen ermöglichen.

 

Die Informationsfütterungsmaschinen, vor denen die Wesen immer mehr Zeit verbringen, verkünden pausenlos von heraufdämmernden Krisen und Katastrophen. Die Wesen wissen nicht, was sie davon halten sollen. Diese Wesen lassen sich jedoch dadurch nicht so leicht entmutigen. Krisen betrachten sie als willkommene Chance um immer wieder neue Lösungsmöglichkeiten und Ideen zu erproben.

Haben sie zu viele oder zu wenige Informationen? Warum ist es nur so schwer zu begreifen, was mit ihnen los ist? Sie fragen sich: Liegt der Schlüssel zur Veränderung vielleicht in ihrem Inneren verborgen, wenn der Blick nach außen sie offenbar nicht weiter bringt? Mit viel Mühe gelang es Ihnen, einen inneren Programmcode zu finden und zu entschlüsseln. Sich damit jedoch einfach selbst umzuprogrammieren, ist ihnen bislang schon deshalb nicht gelungen, weil sich dieser Code ständig durch neue Einflüsse modifiziert. Und schon hatten sie eine andere Vision. Wenn die Vielfalt der Prägungen ihre eigene Natur überdeckt, dann könnte es ja vielleicht helfen, sich selbst als Maschine zu duplizieren. Sollte dies funktionieren, so hoffen sie, könnten sie vielleicht etwas über die eigenen Funktionsweisen in Erfahrung bringen. Noch wissen die Zellen nicht, wohin diese Bemühungen sie bringen werden. Eines ist ihnen jedoch klar geworden: Es ist höchste Zeit für neue revolutionäre Ideen. So können und wollen sie nicht weiter machen. Für die einfachen Probleme haben sie ja bereits zumeist sogar mehrere Lösungen gefunden. Jetzt wurde es Zeit, auch die komplexeren Aufgaben zu lösen. Sie sind davon überzeugt: "Alleine ist das nicht zu bewältigen. Wir sollten daher nach neuen Methoden der Kooperation und des Austauschs suchen. Wir sollten Wege finden, wie wir, trotz Spezialisierung und Konzentration auf Details, den Überblick nicht verlieren, um auch Zusammenhänge zu erkennen. Wir müssen herausfinden, wie sich die Komplexität der Welt bewältigen lässt, ohne unsere Erfahrungsräume gefährlich einzuschränken? Wie lassen sich Zeichen schaffen, die unseren Blick auf die Welt nicht verstellen, sondern dessen Lesbarkeit erhöhen? Wie können wir unser Zusammenleben koordinieren, ohne einander die Spielräume unnötig zu beschneiden?"

Multiply – Diversity as a new way to design?

Internationales Design Symposium | Linz | 2012