International Design Symposium Linz 2014 | Multiply Futures

About possible and impossible future scenarios

Designing the Society | Year in Review 2015

Ich darf Ihnen meinen Jahresrückblick 2015 präsentieren und somit ein Gedankenspiel darüber, welche einschneidenden Veränderungen im nächsten Jahr zu erwarten sind. Ich werde dabei versuchen, meinen Blick aus der Vergangenheit auf die Gegenwart zu richten, um so Bewegungen zu erkennen, die in der Zukunft ebenfalls einen Nachhall finden könnten. Ich beschränke mich dabei auf einen einzigen Bereich von Design, dem ich allerdings eine entscheidende Rolle zuspreche: auf Design als Methode, etwas ansonsten Unbegreifliches begreifbar zu machen.

Jene Handlungsoptionen, die wir uns selbst zutrauen und die wir anderen zugestehen, werden von Bildern bestimmt. Diese Bilder und die daran geknüpften Assoziationsketten verwandeln sonst abstrakte Begriffe wie Krieg, Kultur, Beziehung, Wissen, Arbeit, Politik in konkrete Erwartungshaltungen. Jeder Mensch hat so seine eigenen Bilder, aber er hat auch Bilder davon, wie aus seiner Sicht andere Menschen die Welt interpretieren.

Wer Bilder erzeugt und gestaltet, um darauf Einfluss zu nehmen, wie die Welt Menschen erscheinen mag, kann, selbst wenn seine Macht es ihm ermöglicht, fast alle sichtbaren Flächen zu besetzen, vor allem nur jene Vermutungen bestätigen, die wir uns von den Bildern in den Köpfen anderer Menschen gebildet haben. Diese Idee einer geteilten Wahrnehmung, einer allgemein verbindlichen Realität ist es, die Gesellschaften zusammenhält. Wir wissen bislang, dass niemand unsere Gedanken erraten kann, dass die Welt in unserem Kopf nur uns gehört. Wir wissen aber auch, dass sich andere Menschen ein Bild von der Welt in unserem Kopf machen und dass es diese Projektionen sind, die entscheiden, wie sie uns wahrnehmen und daraus abgeleitet, welche Handlungsoptionen sie uns zugestehen.

Umso mehr Menschen in ein gemeinsames gesellschaftliches Leben integriert werden sollen, desto größer ist der Aufwand, der getrieben werden muss, um die Vorstellung einer synchronisierten und geteilten Welt zu evozieren. Daher ist es verständlich, dass so etwas wie ein Zusammenspiel von vielen auf die Entwicklung von Medien angewiesen ist, die in der Lage sind, Bilder in einer Form zu entwickeln, die wir als verbindlich erachten. Solange wir den Eindruck gewinnen, dass Mehrheiten bestimmte Vorstellungen akzeptieren, treten individuelle Zweifel und Ressentiments meist zurück. Die Nachteile, die wir befürchten, wenn wir uns außerhalb allgemeiner Übereinkünfte stellen, dämpfen in gewisser Weise partikulare Interessen.

 

Die Vorteile, sich in eine Gemeinschaft zu integrieren, haben in der Geschichte dazu geführt, dass sich unterschiedliche Systeme entwickeln konnten, die in der Lage sind, eine Zeichenwelt zu produzieren, die als Fundament für jene Aufgaben funktioniert, der sich Gesellschaften zu stellen haben, wie einer Rollen-, Arbeits-

und Ressourcenverteilung und der damit verbundenen Notwendigkeit für Erklärungs-, Wertungs- und Legitimierungsmodelle. Über Jahrtausende haben sich in der westlichen Welt Kirche und Staat diese Aufgaben geteilt und sich dabei gegenseitig sowohl konkurrenziert als auch gestützt.

Auf drängende Fragen wie: woher kommen wir, wohin gehen wir, was ist das Ziel unseres Lebens, etc. entwickelte sich ein umfassender Fundus von Antworten und Erklärungsmodellen, die im Laufe der Geschichte zu Erzählungen wie Bibel und Koran verdichtet und in Kodizes – wie zum Beispiel Gesetzbüchern – gesammelt wurden. Nachdem kaum jemand auswendig wusste, was in diesen Textsammlun-gen im Detail niedergeschrieben steht und wie die einzelnen Aussagen zu interpretieren sind, haben sich vor allem im heutigen Europa Rituale und in Zusammenhang damit, eine Vielzahl von wahrnehmbaren Gestaltungsformen entwickelt, die uns eine Vorstellung davon vermitteln, welche Formen des Lebens als allgemein akzeptiert gelten.

Um die Wirkung dieser Übereinkünfte zu sichern, entstanden hierarchische Systeme, die auf Basis der dadurch möglichen Akkumulation von Macht jederzeit, notfalls mit Gewalt, einen Zusammenbruch dieser gedanklichen Konstruktionen verhindern konnten. Religionen bieten nicht nur Erklärungsmodelle, die sich über die Lebenszeit der Menschen hinaus gleichsam ins Unendliche ausweiten, sondern erzählen oft von einer allwissenden Überwachungsinstanz, gegenüber der wir unser Verhalten zu verantworten haben. Während jene, die sich den vorgegebenen Regeln nicht unterwerfen, im Rahmen der kirchlichen Institutionen vorwiegend erst im Jenseits mit höllischer Vergeltung rechnen müssen, haben staatliche Institutionen Zeichen wie Folter, Gefängnis und Strafen entwickelt, die es den Menschen vor Augen führen, welche Konsequenzen sich ganz unmittelbar aus regelwidrigem Verhalten ergeben.

Solange die angenommenen Vorteile die Nachteile einer Akzeptanz eines solchen Ordnungs- und Machtsystems überstrahlen, konnten diese alle Zweifel zerstreuen oder zumindest verdrängen. Zu Revolutionen kommt es dann, wenn neue Hoffnungen gegenwärtige Umstände als hoffnungslos und inakzeptabel erscheinen lassen. Die so genannten Aufklärung markiert den Übergang von traditionellen Gesellschaften in die Moderne.

Was hat sich geändert oder sollte sich ändern? Das, was wir zu wissen glauben, ist nicht mehr gewiss. Der Zweifel, der uns schon immer begleitet, sollte nun zum Motor werden für eine Suche nach Erkenntnis mit offenem Ausgang. Das Wissen lässt sich nicht mehr in gewohnter Form festhalten, es beginnt zu fließen. Aus jeder neuen Erkenntnis stellen sich weitere Fragen. Unsere Lust hinter die Kulissen zu blicken, hält sich dennoch in Grenzen und die Erforschung der Welt und ihrer möglichen Hintergründe und Zusammenhänge wird gerne entsprechen-den Spezialisten überlassen. Der Google-Gründer Larry Page meint dazu: „Es gibt kaum Konkurrenz beim Erforschen technologischer Grenzen, weil niemand so verrückt ist, es zu versuchen.“

Wir zeigen uns zufrieden damit, wenn uns gefilterte Info-Häppchen, in kompri-mierter, geglätteter und emotional anrührender Form serviert werden. Die Industrie arbeitet derzeit mit Hochdruck an Apparaturen, so genannten „virtual reality headsets“, die uns einen erweiterten oder vielleicht auch verengten Blick auf die Welt ermöglichen. Werden uns die digitalen Scheuklappen erfolgreich vor dem befürchteten „Information Overload“ bewahren? Oder werden sie ganz im Gegenteil uns eine bislang ungeahnte Dichte an Inputs ermöglichen? Welche Medien, Techniken und Methoden uns der Welt näher bringen oder uns im Gegenteil blind zu machen scheinen, ist eine der ältesten Diskussionen der Menschheit. Die vielfältigen Antworten der Philosophen hatten bislang meist nur einen geringen Einfluss auf den alltäglichen Umgang damit, denn unzweifelhaft profitieren wir heute in vielfacher Weise von den Optionen, die sich aus einer Entwicklung der Medientechnologien und der dadurch erleichterten Vermehrung und Vernetzung des menschlichen Wissens ergeben haben.

Man könnte glauben, jeder denkbaren Fragestellung entspräche heute bereits ein wie immer geartetes Angebot. Solange die quantitative Auswahl uns überwältigt, stellt sich nur selten die Frage: Was fehlt? Was wird uns möglicherweise vorent-halten? Die Wissensexplosion verursacht bei vielen aber auch entweder ein Gefühl der Ohnmacht oder führt zu einer Flucht zurück in geschlossene und übersicht-liche Weltkonstruktionen. So kommt es zu einer zunehmenden Überlagerung multipler Gegenwarten. Die digitalen Netzwerke werden von dem Wunsch nach einem offenen, transparenten, allgemein zugänglichen Informationsfluss geprägt. Demgegenüber gewinnen Kulturen erneut an Einfluss, die dem Geheimnis, dem Verborgenen, dem Schweigen eine zentrale Bedeutung einräumen. Macht und Information sind sich Freund und Feind zugleich.

Das Zusammenleben sollte in der Moderne nicht mehr auf Basis eines Kanons festgefügter Werte geordnet werden, sondern sich nun Regelsystemen verdanken, an deren Definition und Wirkung wir alle teilhaben können. Wir nennen diese Systeme Markt und Politik.

Unterschiedliche Parteien können heute widerstreitende Konzepte darüber entwickeln, wie das Zusammenleben der Menschen gestaltet und geregelt sein sollte. Die Bevölkerung entscheidet mit ihrer Stimme, wer diesen Ideen-wettbewerb gewinnen und somit die Führung übernehmen soll. Von der Komplexität der Fragestellungen erleben sich jedoch viele überfordert. An die Stelle eines Wettbewerbs der Ideen ist zunehmend ein Wettkampf von Charakteren getreten, die bestimmte, oft diffuse Wertvorstellungen im wahrsten Sinne des Wortes zu „verkörpern“ versuchen. Wenn die Menschen nicht verstehen, was die Demokratie für sie leistet und sie trotz Wahlrecht das Gefühl der Ohn-macht gegenüber jenen Entscheidungen empfinden, die ihr Leben einschneidend betreffen, dann schwindet, wie wir vielfach beobachten können, der Glaube und das Interesse an Politik. Bill Gates hat einmal gesagt: „Selbst wenn sich das Modell politischer Entscheidungsfindung nicht ausdrücklich verändert, wird der Daten-Highway Gruppen, die sich für bestimmte Anliegen oder Kandidaten einsetzen, mit mehr Einfluss ausstatten.“ Vernetzte Gesellschaften lassen sich, solange der Informationsfluss nicht eingeschränkt wird, nicht mehr so leicht täuschen und in die Irre führen. In so manchen Regionen kamen Ordnungen ins Schwanken. Die Optionen einer Neudefinition haben meist nur die Hoffnungen von Teilen der Bevölkerung befriedigt. Das Prinzip der Dominanz von Mehrheiten über Minder-heiten wird bislang durch Abstimmungsverfahren meist eher zementiert als aufgelöst.

Die Interessenvertreter des zweite Ordnungssystems, das wir heute als Markt bezeichnen, haben sich die Schwäche der Politik zu Nutzen gemacht und den Glauben geschaffen, dass die Wahlentscheidung jedes einzelnen hier sehr wohl Gehör findet, und jeder Wunsch erfüllt wird, solange wir in der Lage sind, dafür zu bezahlen. Auf jede Nachfrage würde mit einem Angebot geantwortet und der Wettbewerb würde dafür Sorge tragen, dass alle jederzeit mit der günstigsten und bestmöglichen Lösung versorgt werden. Die angebliche Selbstregulierung über Angebot und Nachfrage verliert jedoch ihrer Wirkung, sobald entweder Angebot oder Nachfrage einander nicht mehr entsprechen können, oder mit anderen Worten, wenn zum Beispiel kein Vermögen mehr vorhanden ist, um am Markt etwas zu erwerben oder wenn für bestimmte Angebote, wie zum Beispiel eine gewissenhafte redaktionelle Recherche, keine Interesse mehr besteht.

 

Für ein selbstbestimmtes Leben brauchen wir einen Zugang zu jenen Informati-onen, die uns erlauben, unabhängige Entscheidungen zu treffen. Jedes fremdfinanzierte Medium steht in einem Abhängigkeitsverhältnis zu seinen Geldgebern. Eine Ausnahme davon bilden nur jene Medienkonzerne, die mächtig genug sind, sich ihre eigene Welt zu schaffen. Dazu gehören heute neben der News Corporation von Rupert Murdoch unter anderem Comcast/NBCU, Time Warner, Disney und allen voran Google. Marc Andreessen bringt es auf den Punkt: „Zeitungen haben keinen öffentlichen Auftrag, sie haben ein Geschäftsmodell, das funktioniert – oder nicht.“

Was ist zu tun? Die Menschen müssen Zugang zu Bildungsangeboten erhalten, die neben der Vermittlung von Fach- und Detailwissen vor allem wieder einen generellen Umgang mit Informationen vermitteln, der sich mit der Fähigkeit zum „Nachdenken“ und „Fragen stellen" beschreiben lässt.

Die Idee, dass technologischer Fortschritt im Zusammenspiel mit einer kontinuierlich wachsenden Wirtschaftsleistung der einzigen Weg in eine lebenswerte Zukunft darstellt, hat an Überzeugungskraft eingebüßt. Nachdem so manche vielversprechende Idee sich im Laufe der Geschichte zu einer Ideologie verhärtete und dadurch zu einem Ausgangspunkt für zum Teil katastrophale Auswirkungen wurde, sind Visionen heute in Verruf geraten. Ganz zweifelsfrei besteht aber nach wie vor ein hoher Bedarf an Bildern, die uns nicht nur Orientierung geben, sondern auch jenen Glanz ins Leben bringen, den wir brauchen, um hoffnungsvoll und energiegeladen in die Zukunft zu blicken. Was wir anstatt dessen zu sehen bekommen, ist Hochglanz-Trostlosigkeit, sowohl in der politischen Propaganda als auch in der Werbung für Konsumprodukte: „Mein Paradeiser darf nicht illegal werden.“ „Jetzt wie von Hand gemacht.“ „Wir verstehen Eure Wut.“ Und worauf sollen wir uns freuen, wenn wir nur noch zwischen falschen Hoffnungen und einer Politik wählen dürfen, die keinen Gestaltungswillen mehr erkennen lässt?

Bislang hatten wir immer darauf gesetzt, dass einzelne, in besonderer Weise talentierte, begabte und somit „gesegnete“ Menschen jene Bilder wie aus dem Nichts erschaffen, deren Macht wir uns dann bereitwillig unterwerfen. Für Designer wie Otl Aicher war Gestaltung ein Ausdruck jener Macht, möglichst umfassend und bis in jedes Detail die Formgebung eines Unternehmens oder einer Institution vorgeben und diktieren zu können.

Die gesellschaftliche Diskussion wird seit langem von zwei Positionen bestimmt. Auf der einen Seite stehen, wenn man so will, die Schafe, die sich nach einem guten Hirten sehnen, der vor allen Gefahren bewahrt und sich um optimale Lebensumstände sorgt und auf der anderen Seite die einsamen Wölfe, die selbst ihr Schicksal in die Hand nehmen und dafür kein Mitleid kennen. Wenn wir aus den eingefahrenen Wegen ausbrechen wollen, dann lohnt die Suche nach einer weiteren alternativen Position.

Krisen sind die notwendige Voraussetzung für Veränderung. Die technologischen Entwicklungen eröffnen uns die Möglichkeit einander wahrzunehmen, wie nie zu vor. Es macht Sinn diese Chancen auch zu nutzen, um aufeinander zu hören und um auf Basis der vielen persönlichen Wahrheiten, die nun nicht mehr verborgen bleiben müssen, eine neue Gesellschaft zu entwickeln.

Wenn auch oft beteuert wird – die Konkurrenz belebe das Geschäft – lässt sich immer wieder beobachten, dass Unternehmen sich darum bemühen, eine marktbeherrschende Position zu erringen. Der freie Markt erweist sich heute in vielfacher Hinsicht als System, das versucht, uns in Abhängigkeiten zu zwingen. Diese Abhängigkeit endet inzwischen nicht bei bestimmten Angeboten und Dienstleistungen, sondern umfasst auch immer weitere Bereiche der Definition jener Kulturen, mit deren Hilfe wir das gesellschaftliche Zusammenleben ordnen.

Printmedien, Radio und Fernsehen haben, anders als oft angenommen, nicht unmittelbar die Träume, Ängste, Hoffnungen und Sehnsüchte der Menschen gleichgeschaltet, sondern vor allem einen Fundus an Erzählungen und Bildern geschaffen, auf die wir uns beziehen können, wenn wir in irgendeine Form des Zusammenspiels oder in eine gegenseitige Verstrickung geraten. Werbung beschränkt sich bekanntlich nicht auf die Anpreisung von Angeboten, die sich vermarkten lassen, sondern liefert zugleich Anschauungsmuster frei Haus, was wir vom Leben zu erwarten und wie wir uns in unterschiedlichen Handlungs-feldern zu verhalten haben, um ein vom Erfolg gekröntes Leben zu führen.

Die klassischen Medien haben sich insofern dramatisch gewandelt, als wir zunehmend nicht mehr mit einigen wenigen Kanälen, sondern mit einer inzwischen unübersichtlichen Vielfalt von Angeboten konfrontiert werden. Die Medienentwicklung hat damit der Tatsache Rechnung getragen, dass die Interessen der Menschen durchaus sehr unterschiedliche Schwerpunkte aufweisen. Durch die Vielfalt der Angebote entsteht auch der Eindruck, dass immer mehr Menschen in der Welt der Medien einen Raum erhalten, um gesehen und gehört zu werden. So meinte Bill Gates 1995: „Auf dem Daten-Highway wird Gleichberechtigung herrschen.“ Immer mehr Menschen können über digitale Netzwerke der ganzen Welt etwas mitteilen. Nur werden bei weitem nicht alle auch gehört, die vielleicht etwas zu sagen haben. Was leicht übersehen wird, ist, dass Medienproduktion auch eine ökonomische Seite kennt. Ein großes Publikum bedeutet eine Aufmerksamkeit, aus der sich Gewinn schlagen lässt. Mit diesem Geld lassen sich jene Inhalte und Attraktionen kaufen, für die sich ein breites Publikum begeistert. Größe ermöglicht Größe und das gilt für digitale Medien ebenso, wie für alle bisherigen Mediensysteme. Interaktive Medien haben aber etwas möglich gemacht, was es bislang in dieser Form nicht gab: rasche und umfassende Kettenreaktionen.

Die Chance im allgemeinen Wettbewerb um Aufmerksamkeit einen Volltreffer zu landen, versinnbildlicht das Versprechen des aktuellen Gesellschaftsmodells: Jede und jeder ist selbst für sein Glück verantwortlich. Alle haben die Chance dieses Glück zu erlangen, wenn sie den allgemeinen Regeln entsprechen.

Selbst Handicaps sollen dabei bald keine Rolle mehr spielen. Selbstzufriedenheit erscheint unangebracht. Guter Rat ist jedoch nicht teuer und wird in Form von Ratgeberliteratur und Seminaren in vielen Varianten angeboten. Wenn das nicht reicht, dann können wir uns mithilfe von Gentechnik, Bionik und Robotik nach Belieben aufrüsten. Umso weiter sich die Möglichkeiten entwickeln, den menschlichen Körper zu rekonstruieren, desto schwieriger wird die Definition, was denn nun unter einem gesunden Menschen zu verstehen ist und wie sehr sich dieser den Leistungsanforderungen der Gesellschaft zu unterwerfen hat. Mitleid und Nächstenliebe gelten demnach als Relikte aus einer untergegangenen Epoche, die in einer Leistungsgesellschaft, als der wir uns verstehen, keinen Platz mehr haben. Die von Google in Entwicklung befindliche digitale Kontaktlinse zur Messung des Blutzuckerwertes ist eines von vielen Produkten, die in Zukunft unsere Körperaktivitäten vermessen werden. Ein so genanntes „Dialog“-Pflaster gibt zum Beispiel den Patienten direktes Feedback wie sie sich verhalten und welche Medikamente sie wann nehmen sollen. Ein „Pregnancy Care Kit" soll Frauen in ihrer Schwangerschaft mit diagnostischen Informationen versorgen. Gesundheit ist dann nicht mehr eine Frage des Schicksals und medizinische Leistungen werden möglicherweise von der Gesellschaft nur noch dann übernommen, wenn wir nachweisen können, dass wir alles in unserer Macht stehende unternommen haben, um Krankheiten vorzubeugen.

Schwächen werden nur noch als Ausdruck einer so genannten „Authentizität“ vorgeführt. So etwas kann sich nur leisten, wer es versteht, selbst daraus noch Kapital zu schlagen. Wir müssen uns präsentieren und die so genannten sozialen Medien sind die Bühne, auf der solche Inszenierungen möglich werden. Anders als in einer unmittelbaren Begegnung haben wir hier angeblich die Kontrolle über jenes Bild, das andere sich von uns machen sollen. Entsprechend den Reaktionen unserer vernetzten Freunde können wir versuchen, unsere Selbstinszenierung zu optimieren. Diese Entwicklung führt zu der paradoxen Situation, dass wir immer mehr von uns öffentlich zu machen haben, um uns auf diese Weise so gut als möglich zu verstecken und zu verleugnen.

Das Ziel der Selbstoptimierungsstrategien besteht nicht unmittelbar darin, sich in konkrete Beziehungen zu verstricken. Es geht um das Gefühl der Macht begehrt zu sein und die Potenz, beliebige Beziehungen eingehen zu können, um dann daraus in irgendeiner Form Gewinn zu ziehen. So wie das Anhäufen von Geld nicht vor-wiegend dazu dient, um damit etwas in der Welt bewegen zu können, dient die Akkumulation von Attraktivität oft lediglich zur Befriedigung eines Machthungers. Paradoxer Weise bedeutet dies, vor allem für Frauen, ein Bereitschaft zum Verzicht auf den Genuss von Nahrungsmitteln – also hungern um einen Hunger zu stillen.

Nicht nur unser Aussehen, sondern auch unsere Sprachmelodie sowie Gestik und Mimik verwandeln sich in ein „Interface“ zur digitalen Welt. Sensoren beobachten und interpretieren jede unserer Regungen. Die „DeepFace“ Technologie von „Facebook“ kann heute bereits Gesichter genau so verlässlich erkennen wie Menschen, die sich auch im Schnitt nur in 2,5% aller Fälle irren. Auch Apple und Google sind im Stande, beinahe fehlerfrei Personen zu identifizieren. Das bedeutet, dass aus allen Bildern die auf irgendwelchen Servern liegen, so etwas wie der Zusammenbau einer Lebensgeschichte aller jener Menschen möglich ist, die sich in irgendeiner Form im Netz verfangen haben. Mit dieser Technology ist Google in der Lage, Glass-Headset-Benutzern eine Identifikation der Personen in deren Blickfeld anzubieten. Byung-Chul Han meint dazu: „Die digitale Vernetzung erleichtert die Informationsbeschaffung dermaßen, dass das Vertrauen als soziale Praxis immer mehr an Bedeutung verliert. Es weicht der Kontrolle. So hat die  Transparenzgesellschaft eine strukturelle Nähe zur Überwachungs-gesellschaft.“

„NameTag“ ist zum Beispiel eine jener Applikation die eine Vorgeschmack darauf liefert, was eine Identifikation von Personen bedeuten kann, wenn daraus eine Suche nach passenden Informationen in Datenbanken erfolgt. Hier ein Beispiel aus ihrem Demofilm. „Don't be a stranger“: „Stanley Kanakaris, Criminal History Found! Registrant sexually assaulted a 13 year old.“ Auch wenn Google derzeit Gesichtserkennung noch nicht unterstützt, wer will, wird und kann solche Anwendungen unterbinden? Wie wollen wir kontrollieren, was mit den von uns aufgenommenen Bildern geschieht? Auch wenn Unternehmen nicht direkt eine Liste wollen, wer in ihren Filialen ein und ausgeht, so können sie damit heute bereits problemlos feststellen, wie viele Menschen welchen Geschlechts, Alters, etc. zu ihren Kunden gehören.

So beschäftigt sich das Unternehmen „eyeris“ zum Beispiel mit Techniken, die es ermöglichen, den Ausdruck von Gesichtern zu lesen, um, wie sie behaupten, eine „Artificially Intelligent Emotion Recognition“ anbieten zu können. Während wir Videos betrachten, werden unsere emotionalen Reaktionen aufgezeichnet, um uns, dank dieser Messdaten, mit immer wirkungsvolleren Botschaften versorgen zu können. Auch „emotient“  versucht Freude, Trauer, Überraschung, Wut, Angst, Ekel und Verachtung den Gesichtszügen von Videobildern zuzuordnen. Welchen Nutzen sieht die Firma in dieser Technology? „The ability to measure real-time customer sentiment, as it relates to customer service, product preference and merchandising is a huge opportunity for businesses to drive focus and therefore sales.“ „Quividi“ zusammen mit „OptimEyes“ und „Amscreen“ betreiben tausende von Screens mit integrierten Kameras um die Reaktionen des Publikums zu beobachten und die so gewonnenen Daten auszuwerten. Unser Verhalten wird zu einem Rohstoff der auch zum Beispiel von Softwareanwendungen wie „CHUTE“ getrackt  wird. Wenn wir dadurch auffallen, dass wir uns in besonderer Weise für ein Produkt oder Angebot begeistert zeigen, wird uns ein so genannter „Affiliate-Marketing-Vertrag“ angeboten. Wir können uns als Marken-Botschafter zur Verfügung stellen und erhalten Boni, wenn unser Auftreten andere Menschen zu wunschgemäßem Handeln verleitet. Wer selbst in den Genuss von Überwachungs-technologien kommen möchte, kann sich „SceneTap“ installieren und schon im voraus erkunden, in welcher Bar ihn welche Art von Publikum erwarten wird, inklusive Profilen zu Beziehungsstatus, Intelligenz, Bildung und Einkommen.

All diese Aktivitäten schwächen die Angst vor staatlicher Überwachung. Die Hoffnung besteht – wir werden uns daran gewöhnen immer und überall Daten-spuren zu hinterlassen. Die zentrale Botschaft: hätten wir schon vor Jahren Gesichtserkennung eingesetzt, dann hätte der Anschlag auf das World Trade Center verhindert werden können. Professor Xiaoou Tang von der Universität Hong Kong meint dazu: „The dream is for governments to be able to set up networked cameras in public locations, capable of constantly searching through the faces of people who are photographed. Once this is done, the images can then be matched to a database looking for suspects or potential terrorists, so that [pre-emptive] arrests can be made.“ Wir müssen also kein Verbrechen mehr begehen, um aus dem Verkehr gezogen zu werden. All diese Technologien der Verbrechens-bekämpfung sind allerdings zugleich anfällig für kriminelle Störungen.

Die angeblich sichere Welt verwandelt sich immer auch in eine Welt neuer, noch ungeahnter Risiken und Gefahren. Visuelle Kommunikation tritt in eine neue Ära. Unser Verhalten gilt nicht mehr ausschließlich menschlichen Wahrnehmungs-organen. Software – unterstützt von einer wachsenden Zahl von Sensoren – entscheidet über unser Schicksal. Unsere Ausdrucksfähigkeit hat sich diesen Techniken unterzuordnen. Demzufolge haben Softwareingenieure heute mehr Einfluss als Designer auf jene Bilder, die auf Grund ihrer Prägnanz realitäts-bestimmend wirken.

Nicht mehr Gott sieht alles, sondern Sensoren und dazugehörige Software-programme halten uns den Spiegel vor. Wir haben uns die Freiheit erkämpft, in beliebige Rollen zu schlüpfen, um deren Wirkung auf andere Menschen zu erproben. Menschen sind in der Lage, ihre Vorurteile zu revidieren, wenn dies auch selten geschehen mag. Wird die in diesem Zusammenhang eingesetzte Software flexibel und lernfähig genug sein, um über statistische Zufälligkeiten hinwegzusehen? Jede Bewertung braucht eine Referenz. Nur: wer bestimmt, was als Abweichung welcher Norm anzusehen ist? Welche Entwicklungschancen erlauben sich Gesellschaften, die in erster Linie auf Nummer sicher gehen wollen und so vieles, was Veränderung bewirken könnte schon im Keim ersticken.

Eine Vielzahl von Startups sieht ihre Zukunft entweder in der Entwicklung automatisierter Beobachtungssysteme oder in deren Datenauswertung. Die enormen Investitionen in Überwachungstechnologien verdanken sich heute nicht mehr nur einer so genannten Sicherheitspolitik, sondern sollen, dank gläserner Konsumenten, die Welt zu einem besseren Ort machen, oder mit anderen Worten, die Welt in eine einzige allumfassende „Shopping Mall" verwandeln. Bereits 1791 hat Jeremy Bentham ein so  genanntes „Panopticon“ entwickelt, eine Architektur, die eine gleichzeitige Überwachung vieler Menschen durch einen einzelnen Überwacher ermöglichen soll. Der französische Philosoph Michel Foucault erkannte darin ein Ordnungsprinzip, das er als wesentlich für westlich-liberale Disziplinargesellschaften beschreibt. Jene Formen einer allgegenwärtigen Überwachung, die in dem Roman „1984“ von George Orwell noch als Unter-drückungsmethoden eines totalitären Regimes dargestellt wurden, erfreuen sich heute zunehmender Beliebtheit. Die Illusion, durch immer umfassendere Kontrollmaßnahmen eine sichere Gesellschaft produzieren zu können, hat die Gegner weitestgehend verstummen lassen.

„An die Stelle von Big Brother tritt Big Data“ – sagt Byung-Chul Han. Edward Snowden hat Geheimnisse der amerikanischen National Security Agency verraten und dadurch als so genanter „Whistleblower“ vorübergehend die Welt in Gegner und Befürworter einer allumfassenden Überwachungskultur gespalten.

Als vielen bewusst wurde, wie weitreichend die Konsequenzen wären, wenn wir auf ein Recht auf Privatsphäre bestehen würden, hat sich die Empörung auf beiden Seiten rasch wieder gelegt. Bevor wir auf unsere Nabelschnur zur Welt verzichten, halten wir eine Privatsphäre für entbehrlich und glauben daran, dass eine möglichst schamlose Selbstzurschaustellung mit Freiheit gleichzusetzen ist.

Warum sollen wir uns auch nicht rundum beobachten lassen? „Wer nichts zu verbergen hat, hat ja auch nichts zu befürchten?“ – heißt es immer wieder. Leben wir nicht endlich in einer Welt, in der es uns erlaubt ist, uns nach Belieben auszudrücken? Aber anders herum gefragt: Müssen wir, wenn wir etwas verbergen wollen, uns dafür rechtfertigen? Franz Kafka erzählt bereits 1922 in seinem Roman „Das Schloss“ von einem gewaltigen bürokratischen Verwaltungsapparat, der vermutlich jeden Einzelnen kontrolliert und dabei unnahbar, unerreichbar und undurchschaubar bleibt. Sobald alle daran glauben, dass bei Überschreitung – eventuell sogar ungeschriebener Vorschriften – Schlimmes droht, spielt es keine Rolle, ob das System zu einer lückenlosen Überwachung überhaupt im Stande ist. Der vorauseilende Gehorsam führt bereits zu einem weitestgehend angepassten Leben.


Seine Wirkung auf andere zu beherrschen, ist mit Sicherheit eine Quelle der Macht. „Cool“ zu bleiben ist eine Anforderung, die dem menschlichen Naturell jedoch nicht unbedingt entspricht. Als soziale Wesen haben wir Automatismen des körperlichen Ausdrucks entwickelt, die uns helfen, die Intentionen und Befindlichkeiten anderer Menschen zu dechiffrieren. Unser Pokerface muss sich heute aber nicht nur gegenüber leibhaftigen Menschen bewähren, sondern soll auch jene Programme täuschen, die versuchen, aus Daten Schlüsse aus unserem Verhalten zu ziehen. Warum hat Google den Thermostat- und Rauchmelder-hersteller „Nest Labs“ für mehr als drei Milliarden Dollar gekauft? Google meint dazu: „Der Computer muss unseren Kontext verstehen, um uns mit den passenden Informationen zu versorgen.“ Dem Konsumenten wird als Beispiel schon lange der intelligente Kühlschrank schmackhaft gemacht, der nicht nur weiß, was in ihm steckt, sondern der auch unsere Bedürfnisse erahnt, diese damit abgleicht mit dem, was uns aus einer gesundheitlichen Perspektive zuzumuten ist und sich darum kümmert, dass die entsprechende Nachversorgung über Liefersysteme gewährleistet bleibt.

Umgeben von digitalen Assistenten sollen wir uns wie Könige fühlen, die mühelos die Herrschaft an technologische Helfer delegieren können. Der Preis der Herrschaft bestand allerdings schon immer darin, den Augen seiner Untertanen nicht entkommen zu können. Macht ist eben eine Form der Abhängigkeit.

Der „gottlose“ Mensch misst sich am Gefühl seiner Allmacht. Eine mit Informati-onen angereicherte Sicht auf die Welt soll uns den Eindruck vermitteln, zumindest allblickend zu sein. Wie auch immer die Entwicklung fortschreitet, eines scheint sicher: Die Überlagerung von Informationsebenen wird weiter sukzessive zunehmen und die Komplexität sich dadurch steigern. Vor allem in der Geschäfts-welt verlieren erzählerische Zusammenhänge ständig an Bedeutung gegenüber Zahlenwerten und deren Analysen. Auch wenn es immer noch darum geht, Muster zu erkennen, so haben diese Muster ihre sinnlichen Qualitäten verloren und werden damit in gewisser Weise „gleichgültig“.

In der Informationsgesellschaft verwandelt sich der Körper in eine Informations-verarbeitungs- und eine Informationsproduktionsmaschine. Was in der digitalen Welt nicht erscheint, dem wird auch seine Existenz streitig gemacht. Es liegt an unseren Ansprüchen, mit welcher Qualität uns die sich überlagernden Informationslayer versorgen werden, ob Technologie uns somit ein Tor zum kulturellen und intellektuellen Reichtum der Menschheit öffnet, oder ob wir nicht mehr in Erfahrung bringen werden wollen, als die Umwandlung unserer Triebstruktur in markttaugliche Angebote.

Der Spiegel der Reaktionen anderer auf unser Verhalten hat uns immer schon eine Chance zu einer differenzierten Selbsterkenntnis geboten. Wie wir dieses – uns gebotene Bild – interpretieren sollen und welche Schlüsse wir daraus ziehen können, verrät uns ein solcher Spiegel nicht. Adolf Hitler hätte wahrscheinlich Facebook – die größte „Selbstbespiegelungsmaschine“ der Gegenwart – geliebt, denn mit einem solchen Instrument hätte er seine Inszenierungen noch viel präziser den aktuellen Reaktionen der Menschen anpassen können. Die wachsende Datenflut verstärkt die Illusion einer berechenbaren Gesellschaft. Sollten Daten jedoch in der Lage sein, uns Antworten auf wichtige Fragen zu geben, so bringen sie bestenfalls Licht in jene Bereiche, die wir durchforsten, so wir überhaupt die Fähigkeit entwickeln, Signale von einem bloßen Rauschen zu unterscheiden. Unsere Wahrnehmung der Vorhersagbarkeit der Zukunft wächst mit unserer Vergesslichkeit. Was wurde uns nicht schon alles in Aussicht gestellt?

Bislang erwies sich die Zukunft dann meist doch als unberechenbar, sonst hätten die Ereignisse uns nicht überrascht und noch deutet nichts darauf hin, dass menschliche Reaktionen auch in Zukunft nicht immer wieder eine Richtung einschlagen, mit der wir, bei allen Datenfülle, nicht gerechnet haben.

Wie nahe Allmachts- und Ohnmachtsphantasien beieinander liegen können, hat uns bereits 1936 Charles Chaplin in „Modern Times“ demonstriert. Selbst jene Technologien, die Menschen selbst gebaut und programmiert haben, vermitteln den Eindruck, ein unberechenbares Eigenleben zu entwickeln. Halten wir also mit den mobilen Endgeräten eine Fernsteuerung der Welt in Händen, oder werden wir durch diese Technologien selbst zu steuerbaren Maschinen?

„Fernbedienbarkeit“ hat das Denken und Handeln der Menschen tiefgreifend verändert, egal ob es dabei um Drohnen, Finanz- oder Medienmärkte geht. Die Distanz zwischen Aktion und Reaktion lässt sich inzwischen beliebig skalieren. Welche Folgen unser Handeln auf andere Weltregionen zeitigt, entzieht sich jedoch zunehmend unserer Wahrnehmung. Gerade weil wir nicht an einer Unterversorgung an Informationen leiden, ist es mitunter schwer vorstellbar, wie wenig wir von dem erfahren, was unsere Entscheidungen in weiterer Folge bewirken. Der Bedarf an Gestaltungsformen, die es uns erlauben, einen solchen Wahrnehmungsverlust zu kompensieren, wird weiter steigen.

Die Auswirkungen auf die Arbeitswelt sind bereits jetzt unübersehbar. Selbst dort, wo Menschen noch ihren Körper einsetzen um dafür – in welcher Form und Höhe auch immer – entlohnt zu werden, stehen diese nicht nur in gegenseitiger Konkurrenz, sondern müssen jederzeit damit rechnen, prinzipiell durch Maschinen ersetzt zu werden. Wenn wir an Industrieroboter denken, dann haben wir heute Maschinen im Sinne, die vorwiegend mechanische Dienste leisten. Aber auch so genannte geistige Arbeit lässt sich zunehmend mittels Computerleistung ersetzen. Dies erscheint möglich, da bei der Programmierung solcher Anwendun-gen auf das, was wir Intelligenz nennen, weitestgehend verzichtet wird. Die heute im Einsatz befindlichen „selbstlernenden Maschinen“ sind auf die Verrichtung klar begrenzter Routinen spezialisiert. Innerhalb solcher Aufgaben leisten sie jedoch Erstaunliches. Dies betrifft selbstverständlich auch die Designbranche. Schon jetzt sind Programme in der Lage, sogenannte Gestaltungsregeln zu befolgen.

Auch die hoch im Kurs stehende sogenannte „Kreativität“ lässt sich spielerisch simulieren, wenn es nicht um mehr geht, als um Zufälligkeiten wie sie Isidore Lucien Ducasse in den „Gesängen des Maldoror“ schildert: „schön wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch.“

Derzeit steht in der Wirtschaft die Frage im Vordergrund, wem wir noch weniger zahlen können um eine möglichst kostenlose Arbeitsleistung zu erhalten. Immer mehr Menschen scheinen auch bereit zu sein auf eigenen Lohn zu verzichten, solange alle anderen noch weniger bekommen. Ziel der Arbeit ist demnach nicht einander zu bereichern, sondern wenn möglich auszubeuten. Aufmerksamkeit ist die neue Währung der Besitzlosen. Anders als beim Tauschmedium Geld, zählt hier nicht jede, auch noch so kleine Einheit. Um aus Aufmerksamkeit Gewinn zu schlagen, bedarf es einer möglichst umfangreichen Zuwendung. Zum Trost und zur Kompensation der offenbar notwendigen und zukunftsträchtigen Selbstaus-beutung wird auf die Chance verwiesen, sich nun endlich kreativ verwirklichen zu können. Daraus ergibt sich die Frage: Was ist in mir, das zur Verwirklichung drängt?


Die Probleme, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen, die mit Begriffen wie zum Beispiel Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Kampf der Kulturen umrissen werden, machen deutlich, dass wir in einer Zeit leben, in der großen Hoffnungen gewaltige Ängsten gegenüberstehen. Der rasanten technologischen Entwicklung konnten viele nicht folgen. Aus mangelndem Verständnis hinkt eine kritische Beurteilung und gesellschaftliche Regulierung dieser technischen Möglichkeiten den – mitunter bereits spürbaren Ausweitungen – hinterher.

Eine Reihe von Investoren und die von ihnen unterstützten Unternehmen haben es verstanden, die Trägheit gesellschaftlicher Entscheidungsprozesse für sich zu nutzen. So konnten mit Microsoft, Apple, Google, Facebook, Amazon, etc. Konzerne entstehen, die sich politischer Kontrolle in vielfacher Hinsicht entziehen und in deren Abhängigkeit wir uns heute erleben. Andreessen Horowitz ist eine Risiko-kapialgesellschaft, die aktuell mit 2.5 Billionen US Dollar in 156 Unternehmen investiert. Das erscheint vor allem uns Europäern als durchaus wagemutig. Sie sind dabei aber nur eine einer ganzen Reihe von US-Amerikanischen Gesell-schaften, denen es nicht nur gelungen ist, erstaunliche Profite zu erwirtschaften, sondern die auch weitläufige Geschäftsfelder zu besetzen und zu dominieren.

 

Dazu gehören, neben den allgemein bekannten Services wie „Facebook“, „Skype“, „Pinterest“ und „Foursquare“, sehr unterschiedliche Angebote wie zum Beispiel

 „boku“ ein digitales und mobiles bargeldloses Zahlungssystem; mit „Coinbase“ eine digitale Währung; mit „Circle“ ein locales social-network Informations-zentrum; mit „Digg“ ein Informationsportal, auf dem anstelle einer Redaktion die Nutzer über den Stellenwert von Artikeln, Videos, Podcasts und jeder Art von Content abstimmen und so das Newsangebot gestalten; mit „Fab“ ein inter-nationales Möbelportal; mit „airbnb“ ein Community-Marktplatz für weltweite Buchung und Vermietung von Unterkünften; mit „NING“ ein Plattform um soziale Netzwerke aufzubauen; mit „NationBuilder – The world’s first Community Organizing System“ eine Plattform, die es politischen Kandidaten und Organi-sationen ermöglicht, in wenigen Minuten eine Website zu generieren, um Spenden zu sammeln, einen Blog zu betreiben, Öffentlichkeitsarbeit zu organi-sieren, Zahlungen abzuwickeln und die Zusammenarbeit der Mitglieder mit einem Kalender und einer Reihe weiterer Tools zu unterstützen.


In der Tendenz führen die meisten dieser Angebote weg aus dem offenen Internet hin zu einer Nutzung mobiler Applikationen oft in Verbindung mit Cloud Services. Was ist dabei bemerkenswert? Hier entsteht ein Universum, in dem wir in Österreich bestenfalls noch als Konsumenten existieren. In diesem digitalen Universum gibt es keine Arbeit für uns, nichts zu gestalten, zu entscheiden und mitzubestimmen. Der Investor Marc Andreessen meint dazu: „Software frisst die Welt, indem sie die etablierten Industrien durch neue Modelle und Dienstleistungen ersetzt, die schneller, klüger und billiger sind. Zuvor war Technologie nur ein Teil der Wirtschaft, heute ist Technologie dabei, die gesamte Wirtschaft umzubauen.“

Die Marktplätze, an denen heute Arbeit, Waren und Informationen gehandelt werden, sind zunehmend im Besitz einiger weniger. Die Welt der Applikationen unterscheidet sich vom Internet wie eine Shopping-Mall von einem öffentlichen Platz. Beides sind Orte, an dem Menschen sich begegnen, aber nicht an beiden bestehen die gleichen Handlungsoptionen. Meines Wissens ist „Red Bull“ das einzige in diesem Land ansässige Unternehmen, das in diesem Universum noch auf Augenhöhe mitspielen kann. Unternehmen wie der ORF konnten vor 20 Jahren noch im internationalen Wettbewerb bestehen. Inzwischen herrscht dort die Panik, Publikum zu verlieren und es wird alles unternommen, um die Latte so tief als möglich zu legen. Die Idee, Quantitäten wären alles, was zählt, hat sich als Irrweg erwiesen. Am Ende zählt die Bedeutung, die jemand einem Angebot zumisst. Auch wenn es dem ORF mit seiner Strategie gelungen sein mag, Erwartungen zu entsprechen, so sinkt dennoch das Verständnis dafür, warum ein solches Unternehmen über Gebühren zu finanzieren sei.

An diesem Vorbild orientiert sich bis heute ein großer Teil der Gestalterinnen und Gestalter. Dieser Ansatz vermag immer weniger zu überzeugen. Im politisch-gesellschaftlichen Leben wächst, trotz einer aktuellen Wiederauferstehung der „starken Männer“, die Sehnsucht nach einem möglichst selbstbestimmten Leben und daher auch der Ruf nach Mitbestimmung und direkter Demokratie.

Buckminster Fuller meinte einmal, dass wir die Umstände nicht ändern, indem wir sie bekämpfen, sondern dass wir neue Modelle brauchen, um sie zu über-winden. Für die Probleme, mit denen wir uns konfrontiert sehen, sind jedoch meist keine einfachen Antworten zu finden, die uns einzelne Personen geben können, egal ob es sich dabei um Wissenschaftler, Künstler, Manager oder Politiker handelt. So stellt sich für mich die Frage: Wäre es nicht an der Zeit, dass Gestaltungsarbeit verstärkt dem Vorbild von Candy Chang und anderen Designer-innen folgt, die nicht mehr der Welt ihren eigenen Stempel aufdrücken wollen, sondern nach Möglichkeiten suchen, wie Menschen zusammen und eigenständig ihr Wissen und ihre Erfahrung einbringen können, um an der gemeinsamen Gestaltung eines für alle lebenswerten Lebens mitzuwirken?

Wir haben auf alle Fälle immer zumindest zwei Möglichkeiten in die Zukunft zu blicken: voller Angst oder voller Zuversicht. Unserer Verantwortung können wir uns nicht entziehen, oder wie Étienne de LaBoétie bereits 1574 ausführte:  Ein Tyrann kann nur herrschen, wenn die Unterdrückten diese Unterdrückung bejahen und akzeptieren. Der Tyrann hat nur die Macht, den die Unterdrückten dem Tyrannen freiwillig überlassen: Dulden die Menschen die Unterdrückung nicht, so löst sich die Macht des Tyrannen auf. Wir haben demnach nicht mehr zu fürchten, als unsere eigene Feigheit.

Wenn wir heute von „DESIGNING THE SOCIETY“ reden, dann geht es aus meiner Sicht nicht um einen Wettbewerb, bei dem der beste Entwurf gewinnt, sondern um die Frage, wie möglichst alle Menschen ihre Interessen in ein Bild einer gemein-samen Zukunft einbringen können. Wenn es darum geht, den Menschen zu helfen, ihre Ausdrucksfähigkeit zu steigern, gibt es für die Designbranche viel zu tun. Gestaltung verstehe ich dabei vorrangig als einen Prozess, bei dem es weniger um das Werk als Endprodukt, sondern um jene Veränderungen geht, die erst durch den Versuch in Gang kommen, eine Form zu finden, die einem entspricht.

Im Sinne von Hannah Arendt bedeutet dies: „Handeln heißt, einen neuen Anfang machen, eine neue Welt beginnen.“ Wir sollten alles unternehmen, um den Samen der Möglichkeiten wieder zum Blühen zu bringen. Vielleicht können wir zumindest darauf achten, jene Menschen nicht zu behindern, die anstatt etwas auszubeuten oder zu zerstören, in einem gemeinschaftlichen Sinne etwas bewegen wollen.

Wir brauchen wieder ein Bild der Zukunft, das wir uns gerne zum Vorbild nehmen.